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Gedenkstätte Ernst Thälmann
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Günter Judick:

Ernst Thälmann und die Kommunistische Internationale

(Referat auf einer Veranstaltung des Kuratoriums der Gedenkstätte Ernst Thälmann am 16. April 1999)

  1. Einleitung
  2. Thälmann auf dem III. Weltkongreß
  3. Im Exekutivkomitee der Internationale
  4. Proletarische oder faschistische Diktatur
  5. Was Charakterisierte den Kommunisten Ernst Thälmann in seinem Wirken für die Kommunistische Weltbewegung ?
  6. Anmerkungen und Quellen

1. Einleitung

Das Wechselverhältnis zwischen der KPD und der Kommunistischen Internationale gehört zu den Bereichen unserer Geschichte, die bisher unzureichend ausgearbeitet wurden und noch viel Forschungsarbeit erfordern. Das stelle ich an den Anfang meiner Ausführungen, weil das heutige Referat nur unzureichend und in einem kleinen Ausschnitt manches noch zu diskutierende und zu erforschende Problem ansprechen kann.

Für Lenin war die Gründung der KPD das wichtigste Ereignis, das die Voraussetzung zur Bildung der dritten Internationale schuf. Die deutschen Linken hatten in ihrem Kampf gegen die "Vaterlandsverteidiger" in der SPD, gegen das Versagen der II. Internationale beim Kampf gegen den imperialistischen Krieg in fast allen Ländern ebenso wie die Bolschewiki erkannt, dass der Aufbau einer neuen internationalen Organisation der revolutionär marxistischen Kräfte erforderlich war. 1916 hatte Rosa Luxemburg ihrer "Junius Broschüre" unter dem Titel "Die Krise der Sozialdemokratie" bereits Leitsätze für eine neue Internationale beigelegt, die von Karl Liebknecht und anderen Angehörigen der Gruppe "Internationale", wie sich die spätere Spartakus Gruppe damals nannte, erweitert wurden. Der Kernsatz hieß damals: In der Internationale liegt der Schwerpunkt der Klassenorganisation des Proletariats.

Differenzen zwischen der jungen KPD und den Bolschewiki gab es allerdings über den Zeitpunkt der Gründung der Internationale. In Erwartung einer positiveren Entwicklung der deutschen Revolution sollte sie ursprünglich in Berlin oder in Holland gegründet werden. Erst die rasende Konterrevolution in Deutschland des Jahres 1919 zwang dazu, diese Pläne aufzugeben und zu einer internationalen Konferenz nach Moskau einzuladen. Rosa Luxemburg hielt den Zeitpunkt für verfrüht, da die Herausbildung kommunistischer Parteien und Gruppen mit Masseneinfluß noch unzureichend entwickelt war, sie sorgte sich auch um die richtige Proportion zwischen nur einer regierenden Partei und im Vergleich dazu schwachen anderen Gruppen bei der Entwicklung gemeinsamer Strategie. Dennoch stimmte die nach der Ermordung ihrer führenden Kräfte stark geschwächte KPD Spitze der Einladung der KP Rußlands zu und schickte zwei Delegierte nach Moskau. Allerdings konnte Eugen Levine, der wenig später ermordete führende KPD Vertreter in der bayerischen Räterepublik die Grenze nicht überwinden. So nahm als 'Vertreter der KPD nur Hugo Eberlein an der, auf Wunsch der KPD um 14 Tage verschobenen internationalen Konferenz teil, die am 2. März 1919 eröffnet wurde und sich zwei Tage später als Gründungskonferenz der Kommunistischen Internationale konstituierte. Hugo Eberlein war Mitglied des Präsidiums der Konferenz, enthielt sich entsprechend der Beschlußlage der KPD bei der KI Gründung der Stimme, setzte sich nach seiner Rückkehr aber für den sofortigen Beitritt der KPD zur Internationale ein. Hugo Eberlein war bis 1937 in führenden Funktionen der KPD und der KI tätig, bevor er ebenso wie Fritz Platten, der 1917 die Reise Lenins durch Deutschland organisiert hatte und neben Lenin und Eberlein zum Präsidium des Gründungskongresses gehörte, Opfer der Stalinschen Säuberungen wurde. Ich nenne ihre Namen und ihr Schicksal gleich hier, weil hierin und im Schicksal vieler anderer fahrender Kommunisten der Gründergeneration der Kommunistischen Weltorganisation einer der erkennbaren Gründe liegt, warum die Aufarbeitung der Geschichte der KI vernachlässigt wurde. Wie alle eigenen Versäumnisse in der Aufarbeitung unserer Geschichte bot das Zugleich den Gegnern der Kommunistischen Bewegung reichlich Stoff für antikommunistische Deutungen.1

Die eigentliche Formierung der Kommunistischen Internationale erfolgte ein Jahr später im Juli/August 1920 auf ihrem zweiten Kongreß in Petrograd und Moskau auf dem die 21 Bedingungen für die Aufnahme beschlossen wurden, die vor allem dazu dienten, zentristischen Kräften den Beitritt zu erschweren, um den konsequent revolutionären Charakter der Internationale zu sichern. Zeitgleich damit warnte Lenin in einem seiner wichtigsten Arbeiten "Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit des K ommunismus" vor ultralinken Abenteuern. Ich kann auf beide Dokumente hier nicht eingehen, sie wären mehr als ein abendfüllendes Programm. Sie gehören jedoch insofern direkt zum Thema, als sie beide auch Rahmen und Bedingungen abstecken für Ernst Thälmanns Wirken in der KI.

2. Thälmann auf dem III. Weltkongreß

Auf dem III. Weltkongreß der vom 22. Juni bis zum 12. Juli 1921 in Moskau tagte wurde die Bedeutung beider Aussagen für die Herausbildung Kommunistischer Parteien und ihrer Strategie in einem komplizierten Prozeß sichtbar. An diesem Kongreß nahm Ernst Thälmann als einer von 41 deutschen Delegierten teil, die allerdings zu unterschiedlichen Gruppen, Gliederungen und Fraktionen der kommunistischen Bewegung in Deutschland gehörten. Zur VKPD gehörten 25 stimmberechtigte Delegierte, die Opposition in der Partei hatte 2 Delegierte. Die Jugendorganisation entsandte acht, die Frauen 1 Delegierte. Dazu kamen acht Delegierte mit beratender Stimme von der von der KPD abgespaltenen Linken die sich zur KAPD konstituiert hatte. Die Zusammensetzung der Delegation und ihre scharfen Gegensätze waren ein Spiegelbild des komplizierten Weges zur KPD als einer der ersten Massenparteien. Ich kann nur Stichpunkte nennen:

  1. die Korrektur des falschen Beschlusses des Gründungsparteitags über die Nichtbeteiligung an Wahlen fuhrt zur Abspaltung und zum Ausschluß großer Teile und ganzer Bezirke von der KPD und zur Bildung der KAPD (Kommunistische Arbeiter Partei Deutschlands).
  2. der Kapp Putsch wird in einer großen einheitlichen Aktion der Arbeiterbewegung abgewehrt. Er macht die Gefahr von rechts, die die ganze Weimarer Republik begleitet, deutlich. Die KPD Zentrale ist dabei nicht auf der Höhe ihrer Aufgaben, schließt sich im Gegensatz zur Parteibasis erst verspätet der gemeinsamen Aktion an. Die KPD war praktisch bis kurz vor dem Putsch in die Illegalität gedrängt, was nicht gerade ein positives Verhältnis zur Weimarer Demokratie förderte.
  3. im Ergebnis des Kapp Putsches, der darauf folgenden erneuten Zusammenarbeit von SPD Führung und Reichswehr gegen die Arbeiter, vollzieht sich die Linksentwicklung in der USPD. Die Mehrheit des USPD Parteitags beschließt im Dezember 1920 den Beitritt zur KI und die Vereinigung mit der KPD zur VKPD. (Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands)

Allerdings stimmen Erwartungen und spätere Berichte über die Zahl der zur KPD kommenden Mitglieder nicht mit der Wirklichkeit überein. ( 500.000 oder auch 300.000 die genannt werden, entsprachen dem Wunschdenken.) Im Bericht der KPD zum IV. Weltkongreß 1922 wird die reale Mitgliederzahl der VKPD mit 226.000 angegeben, von denen etwa 180.000 auch kassenmäßig erfaßt waren. Erst 1923 auf dem Höhepunkt der Nachkriegskrise wird kurzfristig eine Mitgliederzahl von 300.000 überschritten. Zwischen 1925 und 193o schwanken die Mitgliederzahlen um die 120.000, übersteigen erst 1932 wieder 300.000).

Im Verlauf einer Zwischenkonjunktur beginnt das Kapital mit einer Offensive gegen die im Ergebnis der Revolution entstandenen Arbeiterrechte. Erstmals steht die KPD vor der Aufgabe, eine Politik der Verteidigung von sozialen Rechten zu entwickeln. Im Januar 1921 richtet die KPD an SPD, USPD, ADGB und andere Arbeiterorganisiationen einen Offenen Brief, in dem sie ein in den Gewerkschaften entstandenes Forderungsprogramm aufstellt und vorschlägt, es zur Grundlage gemeinsamen Kampfes zu machen. Von Lenin als richtigen Schritt begrüßt, findet diese Politik in der KPD nicht nur Zustimmung.

Das Auftreten des VKPD Vorsitzenden Paul Levi auf dem Parteitag der italienischen Sozialisten, wo er entgegen dem Auftreten der offiziellen Vertreter der KI sich gegen die Trennung der Kommunisten von der zentristischen Mehrheit wendet führt zu einer Führungskrise in der VKPD. Acht Mitglieder der Zentrale, darunter Clara Zetkin und die Mehrzahl der aus der USPD kommenden Zentralemitglieder ( Däumig, Brass u. a.) stellen sich hinter Levis Position.

Wahlerfolge der VKPD besonders im mitteldeutschen Raum und wachsende Aktionen zur Verteidigung gegen Unternehmerangriffe stärken Positionen in der VKPD, die eine "Offensivstrategie" propagieren. Andererseits sieht die preußische, SPD geführte Regierung für sich wachsende Gefahren. Im März 1921 provoziert sie die Arbeiter des Mansfelder Reviers und der Leuna Werke durch den Masseneinmarsch von Polizeikräften, die auch die Betriebe besetzen, zum bewaffneten Kampf Die KPD ruft zur Solidarität auf, doch es gelingt keine Ausweitung. Während die Anhänger der Offensivtheorie trotz der Niederlage dieses Verteidigungskampfes in ihm den Beginn einer neuen revolutionären Offensive betrachten und dafür auch zeitweilig die Mehrheitsmeinung in der Partei bestimmen, kritisieren Paul Levi, Clara Zetkin und andere Mitglieder der Zentrale diese Position als Putschtaktik. Beide legen ihre Funktionen nieder. Als Levy dazu übergeht, in einer Broschüre die VKPD und die KI zu denunzieren und damit kämpfenden Arbeitern in den Rücken fällt, wird er wegen Disziplinbruchs ausgeschlossen. Lenin stimmt diesem Ausschluß wegen des Bruchs der Parteidisziplin zu, unterstützt aber die inhaltliche Kritik Clara Zetkins.

Das ist die Situation vor Beginn des 3. Weltkongresses. Zwar ist es in Vorbereitung des Kongresses in Beratungen zwischen der deutschen und der russischen Delegation schon gelungen, die größten Differenzen in der Einschätzung der Lage zu überwinden und die Märzbewegung als Abwehrkampf zu werten, dennoch steht die deutsche Frage weitgehend im Mittelpunkt des Kongresses. Dabei steht in den Diskussionen Thälmann in Übereinstimmung mit der Mehrheit der VKPD Delegierten auf dem linken Flügel des Kongresses, während Lenin selbst in einer späteren Einschätzung sich während des III. Kongresses als zur Rechten gehörig bezeichnet.

In einer - wie Trotzki, der ihm in der Rednerliste folgt es bezeichnet, leidenschaftlichen Rede wendet sich Thälmann gegen die von der russischen Delegation vorgelegten Thesen zur Taktik der Internationale. Ich möchte aus seinem Beitrag nur wenige Sätze zitieren: "Es besteht die Gefahr, dass die zentristischen Strömungen Gelegenheit haben werden, bei einem Vorgehen der Bourgeoisie dieselben Tendenzen (wie in Italien) durchzusetzen und zu sagen, wir dürfen nur Kämpfe aufnehmen, wenn die Mehrheit des Proletariats hinter uns steht. Ich berufe mich auf das Wort ( im Referat Sinovjews) daß die Bourgeoisie die junge kommunistische Partei aus ihrem Loch herauslocken könnte. Es heißt, die Märzaktion, ist ein Schritt vorwärts, ein aufgezwungener Kampf. Das heißt, dass die Kommunistische Partei, als ihr der Kampf aufgezwungen wurde, vor die Frage gestellt

wurde, entweder mit Protesten demonstrativer Natur vorzugehen, oder, wie in Mitteldeutschland kämpfende Brüder zu unterstützen. Die Masse in Deutschland hätte es nicht verstanden, wenn man ihre mitteldeutschen Brüder hätte verbluten lassen.... Es war die revolutionäre Ungeduld der Massen, die ein Symptom des Zerfalls der Gesellschaft ist und die zeigt dass die Masse kämpfen Will ... "

Thälmann wendet sich scharf gegen Clara Zetkins Position. Er stimmt zwar Sinowjew zu, dass die VKPD sich keine neue Spaltung erlauben könne, sieht sie jedoch von den Rechten bereits vollzogen. Für Thälmanns Verhältnis zur internationale ist jedoch auch der Schluß seines Beitrags typisch: "Ich bin so diszipliniert, so zentralistisch... dass ich die Beschlüsse befolge..." Zugleich unterstreicht er noch einmal die Sorge, daß im Bewußtsein der Massen der Unterschied verschwinden könnte zwischen der KP und den anderen linken Parteien.

In harten Auseinandersetzungen, aber in kameradschaftlicher, offener Form kämpft die russische Delegation mit Lenin, Radeck, Trotzki, Sinowjew und Bucharin beharrlich um die Grundlinie dieses Kongresses, der in der Losung "Heran an die Massen" sich mit allen Vorstellungen auseinandersetzt, aktive Vorhuten könnten allein Entscheidungen erzwingen. Hier auf diesem Kongreß fällt die Entscheidung, beim heranfahren und gewinnen der Mehrheit der Klasse an und für die sozialistische Revolution auch Zwischenstufen in Erwägung zu ziehen, die dem jeweiligen Bewußtseinsstand entsprechen. Wichtigste Aussage ist die Zielstellung, als eine solche Übergangsetappe die Bildung von Arbeiterregierungen anzustreben. Dieser Kurs wird schließlich vom Kongreß beschlossen und auf dem IV. Kongreß im November/Dezember 1922, dem letzten an dem Lenin teilnimmt, bestätigt und zur Losung der Arbeiter und Bauernregierung erweitert. An diesem IV. Kongreß nimmt Thälmann nicht teil.

3. Im Exekutivkomitee der Internationale

Seit dem V. Weltkongress, der vom 17. Juni bis zum 9. Juli 1924 in Moskau tagt, gehört Ernst Thälmann zunächst als Kandidat, dann bald als Mitglied und als Mitglied des Präsidiums dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale an und ist einer ihrer angesehensten Funktionäre. Schon 1924 wird er Vorsitzender der KPD, jedoch ist das eine mehr repräsentative Funktion, an der Spitze des Politischen Büros stehen Ruth Fischer und Arcadi Maslow. Nach der 1. Parteikonferenz am 31. Oktober / l. November 1925 und damit verbundenen Veränderungen in der Führung der KPD steht Ernst Thälmann an der Spitze der KPD.

Der V. Weltkongress ist in mehr als einer Hinsicht ein tiefer Einschnitt in der Geschichte der Kommunistischen Internationale. Er ist der erste Kongreß, auf dem die überragende Autorität Lenins fehlt. In der Sowjetunion ist der Fraktionskampf um die Führungsrolle in der KPdSU voll entbrannt. Das zeigt sich auch in der Veränderung der sowjetischen Delegation. Zwar wird Trotzki am Beginn des Kongresses noch mit Hochrufen auf die Rote Armee gefeiert, doch nimmt er an der Arbeit des Kongresses nicht mehr teil, um nicht der Fortsetzung der Fraktionslinie beschuldigt zu werden. Noch reicht sein internationales Ansehen, damit die KPdSU ihn zumindest noch als Kandidat des EKKI wählen läßt. Die ganze Auseinandersetzung konzentriert sich zunächst auf Radek, der für die Niederlage des Jahres 1923 in Deutschland verantwortlich gemacht wird und als Repräsentant eines rechten Kurses in der Internationale angegriffen wird. So hat sich die führende Gruppe der KPdSU in der Internationale grundlegend gewandelt. Bestand sie bis zum IV. Kongreß aus Lenin, Sinowjew, Trotzki, Radek und Bucharin so heißen die sowjetischen Mitglieder des EKKI am Ende des Kongresses Sinowjew (Vorsitzender der KI) Bucharin, Stalin, Kamenew und Rykow. Als Kandidaten werden neben Trotzki Sokolnikow, Losowski (Vorsitzender der RG1) und Pjatnitzki benannt.

Eben solche Veränderungen ergeben sich in der deutschen Vertretung im EKKI. An die Stelle der bisherigen EKKI Mitglieder Clara Zetkin und Edwin Hoernle und des Kandidaten Paul Böttcher treten nun Ottomar Geschke, Paul Schlecht und Arthur Rosenberg als Mitglieder, Ruth Fischer und Ernst Thälmann als Kandidaten. Allerdings behält Clara Zetkin nicht als Vertreter der KPD, sondern als Einzelperson ein Mandat im Exekutivkomitee, eine Variante die auch Bela Kun und später Eugen Varga zugebilligt wird.

Obwohl auch diesmal in Vorberatungen zwischen der KPdSU und der KPD Delegation wichtige Einschätzungen vorweggenommen werden und zum Unterschied zu allen anderen Regionen keine deutsche Kommission gebildet wird, stehen die deutschen Ereignisse im Herbst 1923, die Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen und der Hamburger Aufstand im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen und der Veränderungen in wichtigen strategischen Punkten.

Schon im Januar 1924 hat eine Beratung in Moskau die Niederlage des Jahres 1923 als Folge des Versagens einer rechtsopportunistischen Führung der KPD dargestellt. Auf dem 9. Parteitag werden daraufhin Heinrich Brandler, August Thalheimer, aber auch andere wie zum Beispiel Walter Ulbricht als Rechtsabweichler aus der Parteiführung entfernt. Die Führung der Partei übernimmt die linke Opposition um Ruth Fischer, Arcadi Maslow, Arthur Rosenberg, Iwan Katz und Werner Scholem zu der auch, wenn auch mit eigenen Positionen Ernst Thälmann gehört. Seine Differenzen mit dieser Gruppe bestehen besonders in der Gewerkschaftsfrage und in der unzureichenden Orientierung auf die Verankerung in den Betrieben.

Kernpunkt der Kritik an den "Rechten" ist die sächsische Arbeiterregierung. In Umkehrung der von Radek auf dem III. Kongress gegebenen und von Lenin unterstützten Linie nach der Arbeiterregierungen als eine Übergangsvariante, eine Zwischenetappe im Kampf um die sozialistische Umwälzung verstanden wurden, bezeichnet Sinowjew jetzt die Losung von der Arbeiter und Bauernregierung als ein Synonym für die Diktatur des Proletariats. Daran, und an falschen Einschätzungen über die Zuspitzung der Lage im Herbst 1923 in Deutschland in der Führung der KI, der KPdSU und der KPD, die gemeinsam glaubten, die revolutionäre Krise erlaube in Deutschland den bewaffneten Kampf um die Macht wurden jetzt die Ereignisse in Deutschland gemessen. Für diesen bewaffneten Kampf um die Macht in Deutschland waren auf Beratungen in Moskau detaillierte Pläne und Termine beschlossen, in denen zwar die Erfahrungen der russischen Revolution einflossen, die allerdings kaum den realen Bedingungen in Deutschland im Oktober 1923 entsprachen.

Brandler, Thalheimer, Radek und gewohnt gründlich Clara Zetkin wandten sich gegen Fehleinschätzungen und Schuldzuweisungen. In der Tat hatte die revolutionäre Krise mit dem Cuno Streik am 11. August 1923 und dem Sturz dieser Rechtsregierung ihren Höhepunkt überschritten. Die neue Regierung Stresemann, an der sich auch die SPD wieder beteiligte, hatte den passiven Widerstand gegen die Ruhrbesatzung beendet, eine Stabilisierung der Währung war eingeleitet. Die Bildung der sächsischen Arbeiterregierung erfolgte nicht zumindest nicht von Seiten der linken Sozialdemokraten - mit dem Ziel, die sozialistische Revolution zu beginnen, sondern mit dem Ziel dem aus Bayern drohenden Faschismus den Weg zu verlegen und auch im Reichsmaßstab eine Arbeiterregierung zu fordern. Die Regierung in Dresden kam zustande, als Ebert bereits die vollziehende Gewalt der Reichswehr übertragen hatte. Die realen Möglichkeiten der Arbeiterregierungen in den wenigen Tagen ihres Bestehens waren äusserst begrenzt, der Versuch Brandlers, die Betriebsrätekonferenz in Chemnitz aufzufordern, gegen den Reichswehraufmarsch den Generalstreik und den bewaffneten Kampf aufzunehmen, fand bekanntlich keine Zustimmung. Der Versuch Ernst Thälmanns, trotz der Entwicklung in Sachsen in Hamburg mit dem Aufstand ein Signal zu setzen, um den gefaßten Aufstandsplan doch noch auszulösen,' blieb ein mutiger Versuch einer kleinen Vorhut, aber er blieb im Reich und selbst , in Hamburg eine isolierte Aktion, die weder auf den Streik der Werftarbeiter ausgedehnt werden konnte, noch die große Mehrheit der Partei in Bewegung brachte. Die falsche Einschätzung und Schuldzuweisung führte zu einer Überbewertung des Hamburger Aufstands als "Ehrenrettung des deutschen Proletariats", als dessen Symbolfigur Ernst Thälmann herausgestellt wurde. Damit wurde er auf dem V. Kongreß zu einem der meistgefeierten Arbeiterführer. In seiner ersten Rede vor dem Kongreß schilderte er seine Sicht der Lage im September/Oktober 1923: " Nach der Cuno Bewegung [...] stand die Lage so: Entweder weiße Diktatur oder proletarische Diktatur [...] Brandler der hier [...] an der Septemberkonferenz (In Moskau, auf der der Aufstand beschlossen wurde) wird wohl wissen, daß wir einstimmig der Meinung waren, daß es in Deutschland unvermeidlich ist, in ganz wenigen Wochen in den Endkampf um die proletarische Revolution zu ziehen [...] 3 Die Ursache der Niederlage sah er nicht in einer objektiv veränderten Situation, sondern in den Mängeln der Partei und den Schwankungen, dem opportunistischen Verhalten ihrer Leitungen. So wurde er zu einem der Propagandisten der neuen Losung der Bolschewisierung der Kommunistischen Parteien.

Thälmann wurde auf dem V. Kongreß in eine Vielzahl von Aktivitäten einbezogen. Er war Sekretär der Politischen Kommission, war zusammen mit Ruth Fischer in der Kommission über den "Leninismus", der als Begriff auf diesem Kongreß geprägt wurde, wurde als Mitglied in die Jugendkommission gewählt und war Mitglied in den Länderkommissionen für Rußland, Italien, Polen, Österreich und Skandinavien. Diese Kommissionen hatten die Aufgabe, die Politik der jeweiligen Parteien zu beurteilen, vorhandene Differenzen und Fraktionsbildungen zu untersuchen, entsprechende Resolutionen für den Kongreß vorzubereiten. Die jeweils betroffene Partei war in ihrer Kommission nicht vertreten. Diese Methode der Weltkonferenzen ermöglichte Eingriffe in jede Partei, über ihre Beratungen wurden keine Protokolle veröffentlicht, gegen die vorgelegten Resolutionen gab es oftmals Einsprüche, doch sie wurden in der Regel bestätigt. Eine Wertung dieser Arbeit und ihrer Folgen ist deshalb noch nicht möglich.

Die Diskussionen und Beschlüsse des V. Kongresses hatten weitreichende Wirkungen. Der Gedanke an Übergangsformen und Losungen, an Zwischenetappen im Kampf um den Sozialismus wurde zumindest für die hochentwickelten Länder aus der Kommunistischen Strategie gestrichen, bis der VII. Weltkongreß sie in neuer Form nach der bitteren Niederlage im Kampf gegen den Faschismus wieder entdeckte.

Massives Feuer richtete die KI und die KPD auf die linken Sozialdemokraten, die bereit gewesen waren, mit den Kommunisten Arbeiterregierungen zur Verteidigung gegen faschistische Gefahren zu bilden. Weil sie weitergehende Ziele wie den Generalstreik und den Kampf um die Macht nicht mitvertraten - was allerdings auch nicht in den Regierungsprogrammen vereinbart war - wurden sie als schlimme Verräter bekämpft, obwohl die Reaktion z. B. den sächsischen Ministerpräsidenten Eisner verfolgte und einsperrte. Diese Fehleinschätzung behinderte immer wieder Bemühungen um Aktionseinheit.

Mit der Schuldzuweisung an die so eingestufte Rechte in der Kommunistischen Bewegung wurde die angestrebte Bolschewisierung verbunden mit dem Kampf auch gegen die Traditionen und eigenen Erfahrungen der Linken, der Gründungsgeneration der Kommunistischen Bewegung ' in vielen Ländern. Stalin verkündete den notwendigen Kampf gegen den Luxemburgismus. Das sowjetische Modell wurde zum Maßstab für die Kommunistische Politik und Strategie, unabhängig von den konkreten historischen Bedingungen.

Um die Tiefe gerade dieses Einschnitts zu beachten, möchte ich noch aus der letzten Rede Lenins vor der KI" auf dem IV. Weltkongress zitieren. Obwohl Lenin nach langer Krankheit sich nur in der Lage sah, möglichst kurz nur über die Neue Ökonomische Politik zu reden und zu keiner anderen Frage des Kongresses Stellung nehmen wollte, fügte er am Schluß seiner Rede doch folgende Anmerkung an:

"Deshalb meine ich, daß die Perspektiven der Weltrevolution ... gut sind und unter einer gewissen Bedingung, glaube ich, werden sie noch besser werden. Über diese Bedingungen möchte ich noch einige Worte sagen. Auf dem 3. Kongress 1921 haben wir eine Resolution angenommen über den organisatorischen Aufbau der kommunistischen Parteien und über die Methoden und den Inhalt ihrer Arbeit. Diese Resolution ist ausgezeichnet. Aber die Resolution ist fast ausgesprochen russisch d.h. es ist alles der russischen Entwicklung entnommen. Das ist das Gute an der Resolution, aber das ist auch das Schlechte. Es ist das Schlechte, weil fast kein Ausländer,- das ist meine Überzeugung [...] - sie lesen kann. Erstens ist sie zu lang, 50 oder mehr Paragraphen. So etwas können die Ausländer gewöhnlich nicht lesen. Zweitens, wenn sie doch gelesen wird, so kann kein Ausländer sie verstehen, eben weil sie zu russisch ist [...] weil sie durch und durch von russischem Geist durchdrungen ist, und drittens, wenn ein Ausländer sie ausnahmsweise versteht, so kann er sie nicht erfüllen [...] Mein Eindruck ist, daß wir mit dieser Resolution einen großen Fehler gemacht haben [...] dass wir uns selbst den Weg zu einem weiteren Fortschritt versperrt haben. Wie gesagt,: die Resolution ist ausgezeichnet, ich unterschreibe alle 5o oder mehr Paragraphen, Aber wir haben nicht verstanden, wie wir mit unserer russischen Erfahrung an die Ausländer heranzutreten haben, alles in der Resolution sind tote Buchstaben geblieben, und wenn wir dies nicht verstehen, werden wir nicht vorwärts kommen [...] "

Diese Gedanken Lenins gingen nach dem V. Kongreß weitgehend verloren, wurden durch Modelldenken in immer größeren Ausmaß verdrängt. Doch zugleich sind mit dem V. Kongreß auch wichtige Erkenntnisse verbunden. Eugen Varga analysiert die Veränderungen in der Weltwirtschaft, erkennt die beginnende Stabilisierung, die eine EKKI Tagung 1925 dann als relative Stabilisierung des Kapitalismus bezeichnet. Sie erfordert eine den Bedingungen einer relativ friedlichen, nichtrevolutionären Periode entsprechende Taktik der Kommunisten. Die wirtschaftliche Stabilisierung brachte eine Zunahme vor allem ökonomischer Kämpfe, zugleich jedoch auch einen Rückgang der organisierten Arbeiterbewegung, KPD, SPD und Gewerkschaften verloren Mitglieder in erheblichen Maße. Der Stimmenanteil der KPD ging bei den Reichstagswahlen im Dezember 1924 und bei den Reichspräsidentenwahlen, zu denen Thälmann kandidierte, erheblich zurück. Reichstagswahlen: Mai 1924 fast 3, 7 Millionen /12,6 % - , Dezember 1924 2,7 Millionen /9 %- Reichspräsidentenwahlen März 1925 1,87 Millionen April 1,93 Mill.)

Neben objektiven Bedingungen erweist sich in dieser Zeit die ultralinke Politik der KPD Führung unter Ruth Fischer als Hinderniss für eine richtige Massenpolitik. Nach Auseinandersetzungen mit dieser Politik auf dem V. EKKI Plenum, die besonders von Clara Zetkin geführt werden - Thälmann nimmt an dieser Tagung wegen der Reichspräsidentenwahl nicht teil- beginnt in der KPD eine verstärkte Auseinandersetzung mit sektiererischen Positionen, wobei Ernst Thälmann in so wichtigen Fragen wie der Notwendigkeit des Eintritts in die Freien Gewerkschaften und der aktivem Mitarbeit in ihnen in wachsendem Maße auch in Gegensatz zu ultralinken Positionen gerät, die er früher mitgetragen hat. Nachdem der 10. Parteitag im Juli 1925 zwar eine Reihe richtiger Beschlüsse faßt, aber nur wenige Konsequenzen in der Auseinandersetzung mit ultralinker Politik zieht, kommt es nach einer Beratung von KPD Vertretern mit einer aus Vertretern von 16 Parteien bestehenden Kommission des EKKI zu einem direkten Eingreifen in die Führungsstruktur der KPD.

Das Ergebnis ist ein offener Brief des EKKI an die deutsche Partei, der am 1. September 1925 in der Roten Fahne veröffentlicht wird. Die Internationale setzt sich mit den Folgen sektiererischer Politik auseinander, fordert konsequente Verwirklichung der beschlossenen Gewerkschaftspolitik, die Umstellung der Partei auf Betriebsgruppen, neue Initiativen zur Einheitsfrontpolitik. Im Ergebnis wird nach einigen Wochen intensiver Parteidiskussion auf der 1. Parteikonferenz das ZK der Partei umgebildet. Ernst Thälmann wird mit der Parteiführung betraut. Ziel ist die Bildung eines Zentralkomitees, in dem die besten Kräfte der unterschiedlichen Parteigruppierungen, vor allem der Mittelgruppe und der Linken zusammengeschlossen werden. Zunächst wird nur Werner Scholem aus dem ZK ausgeschlossen, Ruth Fischer bleibt für 1, 1/2 Jahre in Moskau - gegen ihren Willen mit ihr werden in den folgenden Jahren vor allem weitere Vertreter der Ultralinken, die immer stärker auch die sowjetische Politik kritisieren, ausgeschlossen wie Maslow, Katz, Rosenberg und Urbahns. Gleichzeitig werden Arbeiterfunktionäre ins ZK kooptiert. Bei aller Notwendigkeit politische Korrekturen durchzusetzen, beginnen hier auch Methoden, die nicht unbedingt förderlich sind für die innerparteiliche Demokratie.

Zwischen dem V. und Vl. Kongreß der KI wächst die Bedeutung des EKKI als Führungsorgan, da jetzt die Kongresse nicht mehr regelmäßig stattfinden. (1924, 1928, 1935 ) Dafür werden die wichtigsten Sitzungen als erweiterte Plenen durchgeführt. Vom 6. erweiterten Plenum an stehen Thälmanns Beiträge immer im Mittelpunkt der Diskussion. Auf diesem Plenum ( 17.2. bis 15. 3.1926 ) kann Ernst Thälmann auf erste Ergebnisse in der Überwindung ultralinker Fehler verweisen. Mit der Entwicklung der Bewegung gegen die Fürstenabfindung entsteht die nach dem Kapp Putsch breiteste gemeinsame Aktion der Arbeiterbewegung, nicht zuletzt als Ergebnis praktizierter Einheitsfront. Zugleich können er und die anderen deutschen Vertreter einen Rückgang der faschistischen Bewegung feststellen und auf wachsende Differenzierungen bei den bürgerlichen Parteien hinweisen. Die Beziehungen zwischen der SPD und den die Regierung tragenden Rechtsparteien werden schwächer.

Ernst Thälmann entwickelt vor dem EKKI Zielstellungen für eine gemeinsame Abwehrfront gegen die Regierung des Bürgerblocks, um die Rechten zu stoppen. Kommunisten wollen aktiv werden mit dem Ziel , die freien Gewerkschaften auf 10 Millionen Mitglieder zu stärken, dabei natürlich auch den Kommunistischen Einfluß zu stärken. Auf dem folgenden 7. erweiterten Plenum vom 22.11. bis zum 16. 12. 1926 kann Thälmann in seinem Bericht als Erfolg dieser Tätigkeit mitteilen, dass bei den Wahlen zum Verbandstag des Deutschen Metallarbeiter Verbandes auf kommunistische Kandidaten 33 % aller Stimmen entfallen. Die konsequente Orientierung auf Eintritt und Mitarbeit der Kommunisten in den freien Gewerkschaften, für die Thälmann besonders eingetreten ist, hat schnelle Früchte getragen.

In der Diskussion zum Bericht der Exekutive, den Bucharin erteilt, erweist sich Thälmann auch als mit den wichtigsten Bewegungen im internationalen Bereich bestens vertraut. Er schätzt sachkundig die Vorgänge - und Versäumnisse der KPP beim Pilsudski Putsch in Polen ein, weist auf die größte Streikbewegung der englischen Bergarbeiter ein, unterstreicht den siegreichen Vormarsch der chinesischen Revolution.

Diese 7. Tagung macht aber auch deutlich, daß nicht nur in der deutschen, sondern auch in anderen Parteien sich Fraktionskämpfe verschärft haben und die KI in innerparteiliche Prozesse auch personell eingegriffen hat. Sie markiert die weitere Ausschaltung bekannter Funktionäre aus der Führung der KPdSU. Zu Beginn der Tagung hat Sinowjew schriftlich seinen Rücktritt als Vorsitzender der Internationale mitgeteilt, den Thälmann verliest. An seine Stelle wird Bucharin gewählt. Stalin erstattet den Bericht über die Entwicklung in der Sowjetunion und die Lage in der sowjetischen Partei, in der Sinowjew und Kamenew von ihren Fraktionen in der Parteiführung wegen Fraktionstätigkeit entfernt wurden.

Der deutsche Genosse Risse, der als Vertreter der Weddinger Opposition an der erweiterten EKKI Tagung teilnimmt, fordert daraufhin die Leitung der Tagung auf, die Genossen Trotzki, Sinowjew und Kamenew schriftlich einzuladen und sie aufzufordern, an der Tagung teilzunehmen. Er hält diese besondere Einladung für erforderlich, damit sie ihre abweichende Position vertreten können und damit ihnen nicht der Vorwurf gemacht werden könne, sie wurden die EKKI Tagung benutzen, ihre Fraktionstätigkeit fortzusetzen. Thälmann als Versammlungsleiter erklärt daraufhin, eine solche Einladung sei nicht erforderlich, alle drei Genossen seien als gewählte Mitglieder des EKKI rechtzeitig eingeladen und könnten jederzeit an der Konferenz teilnehmen. Da Trotzki 1924 kritisiert worden war, weil er auf dem KI Kongress nicht erschien, stellten sich die drei genannten mit ausführlichen Beiträgen einer kontroversen Diskussion, wie sie der Tradition der KI zu Lenins Zeiten entsprach. Doch am nächsten Tag erfolgte genau das, was der Antrag Risse verhindern wollte, die Prawda erhob in ihrem Leitartikel den Vorwurf, die drei EKKI Mitglieder hätten mit ihrem Auftreten ihre Fraktionstätigkeit gegen die KPdSU fortgesetzt und damit gegen die Parteidisziplin verstoßen.

Thälmann unterstützte in dieser Diskussion voll die Stalinschen Thesen vom Aufbau des Sozialismus in einem Land. Für ihn war ein uneingeschränktes Vertrauen zur sowjetischen Politik selbstverständlich. Aus dieser Zeit stammt sein Ausspruch, dass das Verhältnis zur Sowjetunion, zur ersten proletarische Diktatur ein Prüfstein für jeden Kommunisten ist. Das bestimmte auch seine Position zu allen auftauchenden Fraktionen in der KPD und in der Kl. Dieses uneingeschränkte Vertrauen in die richtige Politik des ersten Arbeiterstaates hat das Denken deutscher Kommunisten über Jahrzehnte geprägt, auch mein eigenes.

Diese prinzipielle Verbundenheit mit dem ersten sozialistischen Staat, zu der Thälmann die deutschen Kommunisten erzog, war lebensnotwendig für dessen Verteidigung, aber auch für die Standhaftigkeit deutscher Kommunisten im Kampf gegen den Faschismus, einschließlich des Verhaltens Ernst Thälmanns. Sie steht nicht im Gegensatz, dazu, daß wir heute erkennen, das kritische offene Worte unter Kommunisten in der internationalen Bewegung besser gewesen wären als manch diplomatisches Verhalten, das zwischen Staaten üblich, zwischen kommunistischen Parteien aber schädlich ist, wenn eine offene Diskussion gemeinsamer Ziele, die offene Aufarbeitung unserer Geschichte eine lebendige und auch kontroverse Diskussion um Strategien der unter verschiedenen Bedingungen kämpfenden Parteien notwendig ist. Nicht die Solidarität war falsch sondern das Modelldenken, das Aufstellen von Dogmen und Lehrsätzen an Stelle notwendiger kritischer Diskussion.

4. Proletarische oder faschistische Diktatur

Mit dem 9. Plenum des EKKI im Februar 1928 begann eine neue Veränderung kommunistischer Politik, die eine Verschärfung der Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie einleitete.

1927 hatten Deutschland und die wichtigsten kapitalistischen Länder die Vorkriegsproduktion wieder erreicht und überschritten. Mit dem Dawes Abkommen waren die Reparationslasten überschaubarer geworden, infolge großer Kredite floß in der Mitte der zwanziger Jahre mehr Kapital nach Deutschland, als durch Reparationen wegging. Den Bürgerblock Regierungen war es gelungen durch den Locarno,) Vertrag mit der Anerkennung der Westgrenzen französisches Mißtrauen zu dämpfen, mit der Aufnahme in den Völkerbund und in den Völkerbundsrat war Deutschlands Großmachtrolle, trotz militärischer Schwäche, wieder hergestellt. Zwar gelang es der Sowjetunion, eine völlig einseitige Bindung

Deutschlands an die westlichen Nachbarn durch den Abschluß des Berliner Vertrages 1926 zu verhindern und Grundgedanken von Rapallo zu erhalten, doch wurden antisowjetische Varianten deutscher Außenpolitik deutlicher.

Mit der Wiederherstellung der Vorkriegskapazitäten traten auch alle Widersprüche zwischen den imperialistischen Staaten im Kampf um den Anteil an den Weltmärkten wieder auf zeitweilig progressive Entwicklungen schlugen in offen reaktionäre Politik um. leer nur einige Beispiele: In England wird der längste Bergarbeiterstreik durch das Umfallen wichtiger Gewerkschaftsführer gebrochen. Die erste Labour Regierung endet durch den Übergang ihres Premier Ministers Mc Donald zu den Liberalen. Nach einem Überfall auf die sowjetische Handelsmission werden die Beziehungen zwischen England und der Sowjetunion abgebrochen.

In China bricht Tschiang Kai Schek das Bündnis mit den Kommunisten, läßt nach dem Kantoner Aufstand tausende Kommunisten ermorden. Japan nutzt diese Schwächung der revolutionären Bewegung zum Überfall auf China.

In Polen stabilisiert sich das Pilsudski Regime, bedroht Litauen und verschärft die Unterdrückung der ukrainischen und bjelorussischen Minderheiten.

In den USA werden Sacco und Vanzetti, trotz weltweiten Protestes ermordet.

In Italien hat das Mussolini Regime nach der Ermordung Meteottis seine terroristische Seite voll entfaltet und die Anfangs noch bestehenden Teile demokratischer Rechte beseitigt.

Es gibt also viele Ursachen, warum Thälmann und andere führende Funktionäre der Komintern von einer neuen internationalen Lage ausgingen und vor allem wachsende Kriegsgefahren erkannten.

Auch in der Sowjetunion in der neben den Kriegs auch die Bürgerkriegsfolgen überwunden werden mußten, wurde 1927 erstmals die Vorkriegsproduktion überschritten. Über Wege und Tempo der der weiteren wirtschaftlichen Entwicklungen entwickelten sich neue Differenzen in der KPdSU Führung, die allerdings erst nach dem VI. Weltkongreß mit der Verdrängung Bucharins und Rykows und anderer als Rechtsabweichler beschuldigter Funktionäre auch aus ihren Funktionen in der KI endeten.

Die Erfolge der KPD in der Gewerkschaftspolitik und in anderen Arbeiterorganisationen und die Aktivität ihrer Fraktionen in diesen Organisationen beunruhigten die Führung der SPD und des ADGB. Die SPD, seit 1924 wieder im Reich in Opposition und nach der Wahl Hindenburgs auch ohne das einflußreiche Präsidentenamt bemühte sich, wieder regierungsfähig zu werden. Mit anhaltender Konjunktur wuchsen bei der ADGB Führung auch wieder die sozialpartnerschaftlichen Theorien, die in der Konzeption Tarnows vom "Arzt am Krankenbett des Kapitalismus" und der Konzeption der Wirtschaftsdemokratie ihren Niederschlag fanden. Die Entwicklung in der Sowjetunion führte bei linken Sozialdemokraten zu einem doppeldeutigen Verhalten, auf der einen Seite Bekenntnis zur Solidarität gegen äussere Bedrohung, zugleich aber Solidarisierung mit allen kritischen Positionen innerhalb der Sowjetunion und den dort beschnittenen Weg.

Der zunehmende Einfluß der KPD störte die SPD Politik die Kritik linker Sozialdemokraten ärgerte Stalin und die deutschen Kommunisten, für die die sichtbaren Erfolge der Sowjetunion der Beweis dafür waren, daß nur die sozialistische Revolution der deutschen Arbeiterklasse eine Perspektive bot.

Die von der Führung der Komintern geforderte stärkere Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie hatte die volle Unterstützung Ernst Thälmanns. Zugleich zeigen die in diesen Jahren zwischen dem V. und VI. Kongreß vorgenommen Standortbestimmungen zur Sozialdemokratie, wie schwer es sich die Kommunisten machten, die Rolle der SPD zu definieren. Träger bürgerlicher Ideologie in der Arbeiterklasse, linker Flügel des Faschismus, dritte Partei der Bourgeoisie, Hauptstütze der Bourgeoisie in der Arbeiterklasse deren Einfluß gebrochen werden muß um die Revolution zu ermöglichen, aber auch immer wieder Bemühungen um eine Einheitsfront gegen Rechts bestimmen die kommunistische Definition. Schließlich geht es dabei auch daruir4 ob es Einheitsfront nur von unten, mit den sozialdemokratischen Arbeitern, oder auch von oben, durch Abkommen der Führungen geben soll und wieweit beides verbunden werden kann. Im Vorfeld des VI. Kongresses setzten sich dabei auch mit Thälmanns Stimme die Auffassungen durch, die im Kampf gegen die SPD als Hauptstütze der Kapitalherrschaft die wichtigste Aufgabe sahen. Innerparteilich führte das zu neuen Fraktionskämpfen und Gruppierungen, zum Ausschluß der "Rechten" um Brandler und Thalheimer, zum Kampf gegen die "Versöhnler" um Artur Ewert die diese Verschärfung der Frontstellung zur SPD und des Fraktionskampfes in der Partei als falsch einschätzten.

Der VI. Weltkongreß, dem vom 17. Juli bis zum ersten September 1928 in Moskau tagte, stand ganz im Zeichen dieser neuen Kursbestimmung. Bereits im Bericht des Exekutivkomitees stellte Bucharin heraus, daß eine neue Periode der Nachkriegsentwicklung begonnen habe. ( 1. Periode Nachkriegskrise, 2. Periode Wiederherstellung der Produktivkräfte des Kapitalismus) Diese dritte Periode werde von einer Verschärfung der Widersprüche, wachsender Kriegsgefahr und einem verschärften Klassenkampf fahren, zum Heranreifen einer neuen revolutionären Krise. Sozialdemokratie und Faschismus wurden als unterschiedliche, aber dem gleichen Ziel der Sicherung der kapitalistischen Macht dienende Kräfte gesehen.

Der Kongreß stellte in den Mittelpunkt seiner Beratungen den Kampf gegen die imperialistische Kriegsgefahr und damit im Zusammenhang die Aufgaben der Kommunisten bei der Verteidigung der Sowjetunion. Zweiter Schwerpunkt war die Diskussion des Programms der Kommunistischen Internationale als verbindliches Programm für alle Sektionen der Kommunistischen Internationale. Es war in jahrelanger Diskussion von einer Kommission unter Leitung Bucharins ausgearbeitet, Sekretär dieser Kommission war seit 1924 August Thalheimer. Das Programm zeigte unterschiedliche Wege der sozialistischen Revolution entsprechend dem unterschiedlichen Entwicklungsstand der Länder auf, legte jedoch für die hochentwickelten Länder fest, daß dort der unmittelbare Kampf um die sozialistische Umwälzung, um die Erringung der proletarischen Diktatur auf der Tagesordnung stand. Dem Entsprach die Losung Klasse gegen Klasse und ebenso die Hauptstoßrichtung gegen die Sozialdemokratie als Hauptstütze der Bourgeoisie in der Arbeiterklasse.

In Ernst Thälmanns Diskussionsbeitrag zum Bericht des Exekutivkomitees wird auch unterstrichen, dass er in Übereinstimmung mit Stalin den Kampf gegen die linken Sozialdemokraten als eine Hauptaufgabe ansieht. Er sagt dort: "durch diese verräterische Tätigkeit (der Sozialdemokratie) und durch das Auftreten und die Arbeit der Kommunistischen Parteien und der revolutionären Bewegung werden auch die sozialdemokratischen Anhänger schwankend und wenden sich langsam dem Kommunismus zu. In dieser Situation tritt die linke Sozialdemokratie auf den Plan, um das Abwandern der sozialdemokratischen Arbeiter zu der Kommunistischen Partei zu verhindern. Die Koalitionspolitik der Sozialdemokratie wurde erst durch die Stellungnahmen der "linken" Sozialdemokraten in den verschiedenen Ländern ermöglicht. Die Tatsache ist bekannt, daß auf dem Kieler Parteitag in Deutschland, wo Hilferding diese allgemeine Theorie "Heran an den Staat" in Verbindung mit der Koalitionspolitik aufstellte, die linken Führer keinen Widerstand leisteten. Nach dem Wiener Aufstand gingen die Bauer und Konsorten gemeinsam mit den Rechten, mit Renner usw. die Frage der Koalition mit der Bourgeoisie auch in Österreich zu stellen. Die deutsche Delegation hat einen besonderen Abänderungsantrag gestellt, um auf diese Gefahr der "linken" Sozialdemokratie schon heute hinzuweisen, weil sie in dieser Periode in Verbindung mit der wachsenden Kriegsgefahr eine größere Rolle spielen wird, als es momentan schon zu erkennen ist.... Jedes Schwanken, jedes Zögern bei der Entlarvung der "linken " Sozialdemokratie muß in unseren Reihen mit größter Schärfe bekämpft werden".

Thälmann hatte diese These bereits auf dem Essener Parteitag 1927 in der Auseinandersetzung mit den "Rechten" in der KPD herausgestellt. Er forderte jetzt Unterstützung dieser nicht unumstrittenen Position durch die Internationale auch für die Weiterführung der innerparteilichen Auseinandersetzung mit den Versöhnlern. Diese Position unterstützte, bewußt oder unbewußt, vor allem Stalins Kampf gegen Bucharins Gruppe in der KPdSU. Einer der Hauptvorwürfe Stalins gegen Bucharin in diesem Fraktionskampf war der Vorwurf, Bucharin habe diese ausdrückliche Hervorhebung des Kampfes gegen die linken Sozialdemokraten nicht unterstützt. Doch es gab auch andere nachdenkliche Stimmen. So wandte sich Togliatti gegen die von Thälmann geforderte schärfere Gangart im Kampf mit den Versöhnlern. Nach seiner Auffassung waren die Unterschiede in der KPD keineswegs so groß, daß sie nicht eine Zusammenarbeit für die Partei ermöglichten. er wandte sich gegen organisatorische Maßnahmen in dieser innerparteilichen Auseinandersetzung So wurde im Ergebnis dieser Diskussion Arthur Ewert, der Hauptsprecher der "Versöhnler" in der deutschen Partei als Kandidat in das EKKI gewählt. Die wie immer analytisch kritische Clara Zetkin blieb in ihrer Sonderstellung als Person, nicht als Parteivertreterin im EKKI. Neben Thälmann waren von der KPD Konrad Blenkle, Philipp Dengel, Wilhelm Pieck, Hermann Remmele als Mitglieder, Fritz Heckert, Walter Ulbricht, Ernst Schneller, und wie schon genannt Arthur Ewert als Kandidaten gewählt.

Auf Deutschland als dem Land mit der stärksten Partei aller kapitalistischen Länder und sich rasch zuspitzenden Widersprüchen richtete sich auch in den Folgejahren die Hauptaufmerksamkeit der Internationale. Im, durch das neue Statut wesentlich einflußreicheren Sekretariat der Internationale waren es vor allem die Genossen Manuilski, Pjatnitzki und Knorin, die sich mit der deutschen Politik beschäftigten und der KPD Weisungen erteilten. In Berlin entstand zudem unter der Leitung von Dimitroff das Mitteleuropäische Büro der Internationale. Die ständige Vertretung beim Exekutivkomitee wurde jeweils für längere Zeit von Beauftragten des ZK gesichert, nach dem Weltkongreß übernahm für einige Jahre auch Wilhelm Pieck diese Funktion.

Die Auswertung des Vl. Kongresses durch die KPD wurde überschattet durch die Wittorf Affaire. Wittdorf, Leiter des Bezirks Wasserkante der KPD, hatte im Frühjahr 1928, vor dem Weltkongreß, Gelder unterschlagen, die von Angestellten des sowjetischen Konsulats in Hamburg für die KPD gesammelt worden waren. Thälmann, Jonny Schehr und einige andere Genossen wußten davon. Angesichts der laufenden Kampagne gegen den Panzerkreuzer und dem Wahlkampf zur Hamburger Bürgerschaft hielten sie es doch für richtig, die Aufklärung dieser Unterschlagung und Maßnahmen der Partei gegen Wittorf um einige Zeit zu verschieben. Während Thälmanns Abwesenheit wurde die Unterschlagung aufgedeckt und eine Untersuchung gegen Thälmann verlangt. Dieser hatte allerdings auf der Rückfahrt von Moskau Wilhelm Florin informiert, daß Wittorf ausgeschlossen werden müsse.

Das ZK der KPD beschloß in dieser Situation, eine Untersuchung gegen Ernst Thälmann bei der Internationalen Kontrollkommission einzuleiten und ihn bis zum Abschluß des Verfahrens von seiner Funktion Als Vorsitzender der KPD zu entbinden. Die International,- sah in dieser Maßnahme jedoch vor allem einen Vorstoß der Rechten und Versöhnler, um die Politik der KPD in ihrem Sinne zu ändern. 25 ZK Mitglieder zogen öffentlich ihre Zustimmung zur Ablösung Thälmanns zurück, die Kontrollkommission wies die Vorwürfe gegen ihn zurück. Thälmann sah in diesem Angriff eine Bestätigung seiner Auffassung, man müsse gegen die Versöhnler auch mit organisatorischen Maßnahmen kämpfen. Vor dem nächste EKKI Plenum, dem l0. (3. bis 19.07.1929) griff Thälmann deshalb Togliatti wegen seiner Positionen zur Situation in der KPD auf dem VI. Weltkongreß an und verlangte eine Revision dieser Auffassungen.

Auf eben dieser 10. EKKI Sitzung setzte er sich auch mit dem "Sozialfaschismus" auseinander. Seit 1928 gab es ja in Deutschland für 21 Monate wieder eine Regierung unter Hermann Müller (SPD) als Reichkanzler, der einer großen Koalition von der SPD bis zur DVP vorstand. Inzwischen hatte diese Regierung den Weiterbau des Panzerkreuzers beschlossen, ein deutliches Signal für einen Rüstungskurs. Am 1. Mai 1929 war unter Verantwortung fahrender Sozialdemokraten die Berliner Maidemonstration verboten und zusammengeschossen worden. Vor diesem Hintergrund sagte Ernst Thälmann "Wir haben jetzt Länder mit verschiedenen faschistischen und sozialfaschistischen Herrschaftsmethoden und formen. Einige Länder mit der sogenannten bürgerlichen Demokratie, wo man versucht mit neuen diktatorischen Methoden und faschistischen Mitteln die Arbeiterklasse niederzuschlagen, wie z. B. in Deutschland und England, wo der Sozialfaschismus als Regierungsform neu 'in Erscheinung tritt, weiter haben wir die alte bekannte Herrschaftsform in Italien wo Mussolini am Anfang auch verschiedene Methoden anwandte und etwa drei Jahre brauchte um ein solches System auf und auszubauen." 6

Neben Losowski, dem Vorsitzenden der RGI war Thälmann der zweite Referent der auf dieser Tagung über die Verschärfung der wirtschaftlichen Kämpfe und die Aufgaben der Kommunisten sprach. Er forderte die Verstärkung der revolutionären Arbeit in den Gewerkschaften, propagierte auch angesichts der bremsenden Rolle der Gewerkschaftsbürokratie die Auslösung selbständiger Kämpfe, auch gegen den Willen der rechten Führungen, war auch für die Mobilisierung der Nichtorganisierten in diesen Kämpfen. Im Gegensatz zu Losowski und sowjetischen Vorstellungen sprach er sich allerdings hier und auch nach der Tagung lange Zeit für den Kampf innerhalb der bestehenden freien Gewerkschaften aus, gegen die Umwandlung der RGO in eine eigene Gewerkschaft und für dein Kampf um die Wiederaufnahme der immer größeren Zahl der von der Gewerkschaftsführung ausgeschlossenen. Erst nach dem 5. RGI Kongress, der entgegen der Orientierung der KPD Delegierten die Bildung selbständiger revolutionären Gewerkschaften beschloss, fügte er sich wie gewöhnt der Disziplin.

1930 zeigten die Reichstagswahlen schlagartig das Anwachsen der faschistischen Massenbewegung. Die Stimmen der NSDAP hatten sich gegenüber 1928 verachtfacht. Gleichzeitig blieb die SPD stärkste Partei und die KPD konnte mehr Stimmen gewinnen, als die SPD verlor. Prozentual aber war der Anteil der beiden Parteien rückläufig, weil sich zeigte, daß vor allem die NSDAP neue Massen für sich mobilisieren konnte.

Der Kampf gegen den Faschismus, für die Organisierung von Massenkämpfen der Arbeiter und der Arbeitslosen, für die Gewinnung der sozialdemokratischen Arbeiter für den gemeinsamen Kampf stand auch im Mittelpunkt der 11. und 12. EKKI Tagung im März/ April 1931 und im August/September 1932. Es waren die letzten Tagungen der Internationale, an denen Thälmann teilnehmen konnte, auf beiden war er einer der Hauptreferenten.

In seinem Referat auf der 11.Tagung "Die Lage in Deutschland und die Aufgaben der KPD" bezeichnete Thälmann Deutschland als das schwächste Kettenglied des Kapitalismus. Die ökonomische und politische Krise Deutschlands fahre einerseits zum revolutionären Aufschwung, bewirke aber andererseits eine faschistische Entwicklung. [...] es ist gefährlich, die faschistische Entwicklung zu unterschätzen. Der Faschismus in Deutschland ist kein Produkt der Stärke der Bourgeoisie, auch nicht (wie in Italien 1922) ein Produkt der Niederlage des Proletariats [...]" Thälmann sah in der Brüning Regierung "eine ausreifende, wenn auch noch nicht ausgereifte faschistische Diktatur. Er erkannte richtig, daß einer höheren Reife der proletarischen Revolution wohl auch eine höhere Stufe der Konterrevolution hervorbringen werde. Zur rasch stark gewordenen NSDAP meinte er: "[...] die Rolle der Nationalsozialisten (ist) die eines neuen Schutzwalls, der die davonlaufenden bürgerlichen Anhänger vor dem Abmarsch ins Lager der proletarischen Revolution zurückhalten soll."

Auf beiden letzten EKKI Tagungen vor dem Machtantritt Hitlers stellte die KI und mit ihr Thälmann die Aufgabe, den Massenkampf gegen den Faschismus mit dem Ziel der proletarischen Revolution zu verbinden. Es gelang nicht, den qualitativen Unterschied zwischen der bürgerlich parlamentarischen und der faschistischen Herrschaftsform zu erkennen. Objektiv allerdings wurde das erschwert, weil die bürgerlichen Parteien und auch die - in der Opposition befindliche SPD - ihrerseits die parlamentarische Regierungsform durch ihre Notverordnungspolitik und immer stärkeren Terror gegen die kommunistische Bewegung diskreditierten. Deshalb war nicht die Verteidigung demokratischer Rechte gegen den drohenden Faschismus sondern nur die sozialistische Revolution in den Augen der Kommunisten die einzig mögliche Alternative. Das bestimmte auch das Verhältnis zur SPD. Dazu noch einmal Thälmann auf dem 11. Plenum:

"Man kann den Kapitalismus nicht schlagen, ohne die Sozialdemokratie zu vernichten [...] Man kann den Sozialfaschismus nicht schlagen [...] wenn man nicht die sozialdemokratischen Arbeiter und ihren Anhang zum Kampf unter Führung der Kommunistischen Partei offensiv und systematisch gegen den Faschismus mobilisiert." Der antifaschistische Kampf, das war im Verständnis Thälmann 1931 der Kampf gegen Brüning, gegen Severing und gegen Hitler gleichermaßen.

Thälmann und das ZK der KPD leistete in den folgenden Jahren beachtliche Arbeit, dem Anwachsen der faschistischen Partei und ihrer' Massenbasis entgegenzuwirken. Dabei stimmten seine Einschätzungen nicht immer mit der Politik der KI überein, lösten Diskussionen aus. So war das Programm zur nationalen und sozialen Befreiung Deutschlands, mit dem die KPD den Kampf um die Lösung der Massenbasis von der faschistischen Partei versuchte, auch in der KI nicht unumstritten. So wichtig es war, stand es doch - wie Wilhelm Pieck auf dem VII. Weltkongreß feststellte, nur wenige Wochen im Mittelpunkt der Diskussion. Zudem stellte es in Übereinstimmung mit der Programmatik der KI als einzige direkte Alternative zum Faschismus die Losung des Kampfes um Sowjetdeutschland. Thälmann versuchte in den folgenden Jahren zwar diese Alternative mit veränderter Formulierungen deutlich zu machen, etwa mit der Losung der "Volksrevolution", doch inhaltlich blieb es beim direkten Stellen der Machtfrage obwohl für eine Abwehrposition zum Faschismus eine beweglichere Politik erforderlich gewesen wäre.

Im Ringen um die Massenbasis des Faschismus entwickelt die Partei unter Thälmanns Führung wichtige Teilprogramme zum Kampf gegen die Arbeitslosigkeit (Arbeitsbeschaffungsprogramm) und für die Verteidigung der bäuerlichen Interessen (Bauernhilfsprogramm). Als einzige Partei stellt sie sich in Massenaktionen dem Faschismus entgegen, während die SPD glaubt, durch die Politik des kleineren Übels sich der Bourgeoisie weiter andienen zu müssen.

In diesem Kampf gegen den Faschismus gibt es zwischen Thälmann und dem EKKI in einer Frage eine große Differenz. Das ist der Volksentscheid 1931 gegen die Preußen Regierung. Obwohl für die Kommunisten kein Grund besteht, dieser Regierung, die den ersten Mai 1929, das Verbot des RFB und tausende Unterdrückungsmaßnahmen gegen Kommunisten verantwortet, freundlich gegenüberzutreten ist es Thälmann, der Mehrheit des ZK und den verantwortlichen Bezirkssekretären klar, daß eine Unterstützung des von den Nazis beantragten Volksentscheids zur Auflösung des preußischen Landtags den Nazis dient und Antifaschisten verwirren wird. Nur eine Minderheit in der Parteiführung ist anderer Meinung, sieht eine Gelegenheit zur Verschärfung des Kampfes gegen die SPD. Sie findet in Moskau bei Stalin, Molotow und bei den für Deutschland zuständigen Sekretären der KI offene Ohren. Die KI hebt den ablehnenden Beschluß auf und verpflichtet die KPD zur Teilnahme am Volksentscheid, der dennoch scheitert. Dieser ernsthaften nicht von Thälmann zu verantwortende Fehler - allerdings fügt er sich ebenso wie die Mehrheit der KPD aus Parteidisziplin dem Beschluß der KI wird in den folgenden starken und weitreichenden Bemühungen der KPD um die Schaffung einer breiten Antifaschistischen Aktion zu einem ernsthaften Hindernis bei der Gewinnung sozialdemokratischer Anhänger zum gemeinsamen Kampf.

Dennoch, es bleibt dabei, nicht die konkreten Fehler der KPD, auch nicht ihre falsche, auf dem KI Programm basierende Strategie Klasse gegen Klasse, Hauptstoß gegen die Sozialdemokratie u.a.m. waren ursächlich für den Sieg des Faschismus. Verantwortlich für den Faschismus war das Großkapital. Verantwortlich für unzureichende Mobilisierung der Arbeiterklasse war die SPD mit der Politik des kleineren Übels, der Anbiederung an den Militarismus mit Wehrprogramm 1929 und der Hindenburg Wahl 1932. Eine andere, aktivere antifaschistische Politik hätte viele Differenzen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten gefördert.

Das alles hat Kommunisten nicht daran gehindert, auf dem VII. Weltkongreß und auf der Brüsseler Konferenz der KPD 1935 eigene Versäumnisse im Kampf gegen Hitler aufzudecken und eine Strategie des Kampfes um eine antifaschistische Volksfront zu entwickeln. Thälmann konnte daran nicht mehr teilnehmen, er wurde am 3. März 1933 verhaftet und nach 11 Jahren Haft in Buchenwald ermordet. Doch der Kampf um die Befreiung Thälmanns war einer der Punkte, der Antifaschisten zu gemeinsamen Aktionen zusammenführte. Bis in der Mitte der dreißiger Jahre organisierte sein Kampfgefährte Bela Kun in der Internationale den Kampf um seine Befreiung, Bemühungen um eine Befreiung aus der Haft scheiterten mehrfach. Das Stalin 1939 nicht versuchte, Thälmann frei zu bekommen, bleibt unverständlich.

5. Was Charakterisierte den Kommunisten Ernst Thälmann in seinem Wirken für die Kommunistische Weltbewegung ?

  1. Thälmann war glühender Anhänger und Verteidiger des ersten sozialistischen Staates, dessen Politik er bedingungslos verteidigte. Für ihn war die Oktoberrevolution und der Aufbau der Grundlagen des Sozialismus ein Beispiel, dem die deutschen Kommunisten nacheifern sollten. Angesichts des Fehlens anderer siegreicher Revolutionen entstand dabei ein "Modelldenken", daß die Berücksichtigung von Unterschieden bei der Entwicklung eigener Strategie behinderte.
  2. Thälmanns Bruch mit der Sozialdemokratie, die das sozialistische Ziel verriet, bestimmte sein Denken. Dabei bewies er gleichzeitig große Fähigkeiten im Ringen um das Denken sozialdemokratischer Arbeiter, die für ihn zu gewinnende Kampfgefährten für ein sozialistisches Deutschland waren.
  3. Wie die ganze KI Führung in dieser Zeit erkannte er nicht rechtzeitig die besondere Qualität der faschistischen Herrschaftsform. Dennoch versuchte er gerade in der letzten Zeit der Weimarer Republik stärker zu differenzieren zwischen den bürgerlichen Kräften. Die Entwicklung von Programmen, die dem faschistischen Masseneinfluß entgegenwirken sollten und die Schaffung der antifaschistischen Aktion gehören zu den wichtigsten Leistungen Thälmanns und der KPD.
  4. Thälmann war überzeugter Zentralist, setzte auf die organisatorische Einheit und Schlagkraft der Partei nach dem Vorbild der Bolschewiki. Dabei wurde ein Teil der eigenen, demokratischen Traditionen der deutschen Linken abgewertet. Sowjetische Fraktionskämpfe wurden auf die KPD übertragen.
  5. Thälmann war ein begeisternder, überzeugender Redner, ein überzeugter Kämpfer für seine Meinung. Er beugte sich nur der Parteidisziplin. Er blieb bis zu seiner Ermordung ein mutiger Antifaschist und überzeugter Kommunist.

6. Anmerkungen und Quellen

  1. Neben Hugo Eberlein und Fritz Platten, wurden von den in diesem Referat genannten Personen, die zu verschiedenen Zeiten Funktionäre der Kommunistischen Internationale waren noch 11 weitere Opfer der Stalinschen Prozesse : Bucharin, Radek, Sinowjew, Kamenew, Rykow, Sokolnikow, Losowski, Pjatnitzki, Bela Kun, Knorin und Hermann Remmele. Trotzki wurde 1940 in Mexiko ermordet.
  2. Protokoll des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale Seite 333- 337
  3. Protokoll des V. Weltkongresses . Seite 263
  4. Protokoll des IV. Weltkongresses Seite 229/230
  5. Protokoll des Vl. Weltkongresses, Erster Band, S. 305
  6. Protokoll des l0. Plenums des Exekutivkomitees der KI
  7. Protokoll des 11. Plenums des EKKI

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