Rundbrief aus dem Thälmann-Haus
Nr. 36 (Juni 2001)
 
Dimitroff - Thälmann - Stalin Tagebücher von Georgi Dimitroff 1933- 1943. Eintragungen über Ernst Thälmann | Dimitroffs Tagebucheintragungen über Thälmann | Antifaschistische Strategien der Arbeiterparteien am Ende der Weimarer Republik. Erfahrungen für heute | Diskussionsveranstaltung in der GET Vor 80 Jahren: Arbeiterkämpfe in Mitteldeutschland und Hamburg  |  In bürgerlichen Medien eher sachlich, in sozialistischerTageszeitung eher Kolportage   Unterschiedliche Vorstellungen der Gedenkstätte Ernst Thälmann  |  Deutschlandradio Berlin/Länderreport/21.2.2oo1 Inmitten Eppendorf die Thälmann-Gedenkstätte | Kino im Thälmann-Haus | Aus unserem Gästebuch | Zwei Feten im Juni | Mitarbeiterinnen  und Mitarbeiter gesucht | Arbeitskreis Geschichte bei der PDS Brandenburg  lud ein: Diskussion über den Charakter der illegalen Tagung der KPD in Ziegenhals  | Wir Gedenken  | www.thaelmann-gedenkstaette.de   |  Ernst Thälmann über die Märzkämpfe 1921 Aus seiner Rede vor der Hamburgischen Bürgerschaft am 3o. März 1921
 

Dimitroff - Thälmann - Stalin
Tagebücher von Georgi Dimitroff 1933- 1943. Eintragungen über Ernst Thälmann

Seit Ende 2ooo liegen die Tagebücher des bulgarischen Kommunisten und Generalsekretärs der Kommunistischen Internationale Georgi Dimitroff (1882-1949) in deutscher Übersetzung vor.1) Ihr Verfasser wurde weltweit bekannt, als er im Reichstagsbrandprozess vom September bis Dezember 1933 vom Beschuldigten des Naziregimes zu dessen Ankläger geworden war.

   Die ersten 8o Seiten der Tagebücher enthalten Eintragungen Dimitroffs zu seiner Haft im faschistischen Deutschland vom März 1933 bis Februar 1934. Nachdem  eine breite internationale Bewegung seine Haftentlassung durchgesetzt hatte, erhielt Dimitroff  1934 die sowjetische Staatsbürgerschaft und die Nazis mussten ihn ausreisen lassen. Stalin schlug ihn zum Generalsekretär der Kommunistischen Internationale vor und auf dem VII. Weltkongress der Komintern  1935 wurde Dimitroff in diese Funktion gewählt. Über seine Moskauer Zeit hinterließ er 54o Seiten Eintragungen. In der deutschen Ausgabe enden sie im Juni 1943 mit der Auflösung der Komintern. Die handschriftlichen Aufzeichnungen Dimitroffs, nach seinem Tod am 2.Juli 1949 im Zentralen Parteiarchiv der Bulgarischen Kommunistischen Partei streng geheim aufbewahrt, wurden mit den bis zum 6.Februar 1949 reichenden Notizen erstmals 1997 im Universitätsverlag Sofia veröffentlicht.
   Im Vorwort der deutschen Ausgabe wird erwähnt, dass die Tagebücher Dimitroffs neuen Stoff für die Thälmann-Debatte liefern werden. Wir haben die Aufzeichnungen über Thälmann, die nur  geringen Platz einnehmen, weiter unten einmal zusammengestellt. Beim Lesen möge in Betracht gezogen werden, dass Dimitroff seine meist stichwortartigen Notizen in drei Sprachen, in Bulgarisch, Russisch und Deutsch niederschrieb und dass die Herausgeber an der  Schreibweise der deutschen Texte nichts veränderten. Von seinem Adoptivsohn Bojko stammt der Hinweis, dass Dimitroff seine Tagebücher nicht mit dem Gedanken an Veröffentlichung geführt habe, nicht für fremde Augen, sondern nur zur eigenen Verwendung.2)
   Was vom Mai 1934 bis Oktober 1938 in den Tagebüchern festgehalten ist, bestätigt, dass das Exekutivkomitee der Komintern und Dimitroff persönlich sich für die Freiheit des seit 3.März 1933 inhaftierten Thälmann eingesetzt haben. Eine weltweite Bewegung für die Freilassung Thälmanns entstand; wir dokumentieren sie  in unserer Hamburger Ausstellung. Seine Solidaritätsschrift “Wie kann Thälmann gerettet werden?” vom Mai 1934 schließt Dimitroff mit den Worten: “Wer  keine Finger für die Rettung Ernst Thälmanns rührt, der trägt, ob er will oder nicht, die Mitverantwortung für das Verbrechen der deutschen Machthaber. ...Auf zur Befreiung Thälmanns! Die Rettung Ernst Thälmanns ist eine Ehrensache des internationalen Proletariats, ist die Pflicht jedes ehrlich denkenden Menschen in der Welt.“3)  In den Notaten im Jahre 1934 erwähnt Dimitroff, dass seine Thälmann-Broschüre jetzt  in Englisch und Russisch erscheine.
   Nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vom August 1939 sind in den Tagebüchern keine öffentlichen Aktivitäten für Thälmann festgehalten, wohl aber eine weitere Initiative Dimitroffs für dessen Freiheit. Wie schon fünf Jahre zuvor fasste Dimitroff auch zum 55. Geburtstag Thälmanns 1941 eine neue Kampagne für den Jubilar ins Auge. Molotow aber, vermutlich auf Anregung Stalins, befand diese Idee als „politisch kaum zweckmäßig, da wir gegenüber den Deutschen weiterhin eine nichtfeindliche Politik betreiben.“
     Die Tagebücher Dimitroffs erlauben Einblick in das Verhalten Stalins zu Thälmann. Laut Eintrag vom 2.Mai 1934 beruft Stalin sich auf ein Gespräch mit Thälmann von 193o und behauptet, dieser  habe die nationale Frage nicht verstanden. Dazu sei an folgendes erinnert: Am 24.August 193o beschloss das ZK der KPD auf Vorschlag Thälmanns die „Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ 4) In diesem Dokument entwickelte die KPD ein Programm des Kampfes gegen die nationale Hauptgefahr, gegen den drohenden Faschismus. Thälmann hatte diese Gefahr bereits im Jahr 1922 als Hamburger Parlamentsabgeordneter gesehen und war fortan dagegen aufgetreten.5) Auch in anderer Hinsicht versuchte Stalin, Thälmann in ehrenrühriger Weise abzuqualifizieren. Am 15. Oktober 1941 behauptete er gegenüber Dimitroff, Thälmann sei kein prinzipientreuer Marxist, seine Briefe zeugten vom Einfluss faschistischer Ideologie. Die Nazis würden ihn nicht umbringen, weil sie „offensichtlich” hofften, sich ihn bei Bedarf als „vernünftigen“ Kommunisten zunutze machen zu können. Die hier von Stalin erwähnten Briefe hatte Thälmann - abgeschnitten von der Außenwelt - zwischen 1939 und  1941 illegal im Gefängnis Hannover geschrieben. Rosa Thälmann hatte sie heimlich aus der Haftanstalt  in die sowjetische Vertretung in Berlin gebracht, von wo aus sie nach Moskau gelangten. Stalin ließ öffentlich keinerlei Notiz von den Briefen nehmen, sondern versah sie mit dem Vermerk: “Ins Archiv J. Stalin”. So kamen diese Dokumente unter Verschluss in das Archiv des Politbüros der KPdSU.6)
      Mehr als ein halbes Jahrhundert später wurden diese Schreiben Thälmanns 1996 und Anfang 1997 in Moskau veröffentlicht. In deutscher Übersetzung lagen sie 1996 vor.7)  In der Folge kamen Fragen und Gerüchte auf, ob die Briefe echt seien. Keinen Zweifel gab es daran auf einer Veranstaltung unseres Kuratoriums mit dessen Mitglied Lothar Berthold als Referenten im April 1997.8)  Die Authentizität der Briefe Thälmanns ist jetzt nicht nur durch Dimitroffs Tagebücher sondern auch von deren Adressaten, von Stalin selbst bestätigt.
    Stalins Äußerung, die Nazis würden Thälmann nicht umbringen, mag auch eine Reaktion auf Thälmanns Brief vom 5. März 194o gewesen sein, worin der Gefangene - nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes – seine Hoffnung auf Freilassung voll auf das Handeln der Führer der KPdSU gesetzt hatte: “Von dem aktiven Eingreifen meiner russischen Freunde verspreche ich mir den einzigen und allein ausschlaggebenden Erfolg zu meiner baldigen Freilassung.”.
    Auch als diese Erwartung sich nicht erfüllte, blieb Ernst Thälmann bei seiner festen Haltung, die er während seiner gesamten Haft eingenommen hatte und woran alle Versuche seiner faschistischen Peiniger, ihn auf ihre Seite zu ziehen, scheiterten. Und was deren wahre Absichten gegenüber dem Gefangenen anging, so schrieb Thälmann dazu 1944  eine realistische Prognose nieder: „Es besteht sogar die Wahrscheinlichkeit..., dass bei einem für Deutschland gefahrvollen Vordringen der Sowjetarmeen und im Zusammenhang der damit verbundenen Verschlechterung der deutschen Gesamtkriegslage das nationalsozialistische Regime... nicht davor zurückschrecken (wird), Thälmann vorzeitig beiseite zu schaffen oder aber für immer zu erledigen.“ 9)
     Auf die Tagebücher  Georgi Dimitroffs und das Echo darauf wollen wir zurückkommen.           Jan Wienecke

1)  Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933-1943. Hrsg.: Bernhard H. Bayerlein. Aus dem Russischen und Bulgarischen von Wladislaw  Hedeler und Birgit Schliewenz. Berlin 2ooo
2) Vgl. Ernstgert Kalbe: Streit um Georgi Dimitroff. Zum Erscheinen der Tagebücher Georgi Dimitroffs. Hrsg.: Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. 2oo1
3)  Georgi Dimitroff: Wie kann Thälmann gerettet werden? Moskau, 19.Mai 1934, Tarnschrift “Helios Klassiker”
4)  Revolutionäre deutsche Parteiprogramme vom Kommunistischen Manifest zum Programm des Sozialismus. Hrsg. und eingeleitet von Lothar Berthold und Ernst Diehl. Berlin 1964, s.119
5) Rundbrief aus dem Thälmann-Haus, Nr.34 / März 2ooo
6) Boris L. Chawkin: Briefe Ernst Thälmanns an Stalin und   Molotow. Zur Geschichte einer Veröffentlichung. Aus dem Russischen  von Jan Wienecke. Marxistische Blätter 1/98, S.76
7) Ernst   Thälmann: An Stalin. Briefe aus dem Zuchthaus 1939-1941.Hrsg.Wolfram  Adolphi/Jörn  Schütrumpf. Berlin 1996
8) Rundbrief  aus dem Thälmann-Haus, Nr.3o/Mai 1997
9)Ernst Thälmann: Zwischen Erinnerung und Erwartung. Autobiografische Aufzeichnungen, geschrieben in faschistischer Haft. Hrsg.: Kuratorium “Gedenkstätte Ernst Thälmann” e.V., Hamburg 1994 (reprint, 1. Auflage 1977)

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Dimitroffs Tagebucheintragungen über Thälmann

2. Mai 1934: Im Kreml bei Stalin, Molotow... u.a.  Stalin: ... Thälmann hat nicht die nationale Frage verstanden. Noch im Jahre 193o habe ich mit ihm gesprochen.  Er hat nicht verstanden... Proletarischer Internationalismus.- Durch soziale Befreiung - nationale Unabhängigkeit.(...)
18. Mai 1934: Redigiert die Broschüre über Thälmann. (...)
23. Mai 1934: Kämpfen für Thädi            (Teddy).
3. Juni 1934: Meine Broschüre über Thälmann in Englisch erschienen!
8. Juni 1934: Thälmann-Broschüre in Russisch mit Michailoff  redigiert. (...)
6. Oktober 1938: Finanzierung des Thälmann-Komitees.
21. Dezember 194o: Molotow hat angerufen. Er teilt mit, dass  mir ein Brief von Thälmann zugeschickt wird, um festzustellen, ob es sich wirklich um die Handschrift von Thälmann handelt. (...)
29. März 1941: Abends bei Wjatscheslaw M. Molotow im Kreml.... Wegen einer Kampagne zum 55. Geburtstag von Thälmann hat W. M. Molotow Zweifel. Es wäre peinlich, wenn im Ausland eine lebhafte Kampagne entfaltet wird, aber wir hier nichts unternehmen. Hier etwas zu unternehmen ist jedoch politisch kaum zweckmäßig, da wir gegenüber den Deutschen weiterhin eine nichtfeindliche Politik betreiben. Man muss darüber im ZK beraten, aber das beste wäre, diese Kampagne nicht zuzuspitzen.(...)
15. Oktober 1941: ...Stalin: ... Die Regierung wird evakuiert, ausländische Vertretungen usw. Man kann Moskau nicht so wie Leningrad verteidigen. Und als gäbe es keinerlei Grund zur Beunruhigung, erkundigte er sich seelenruhig nach Thälmann, erinnerte  an seine Briefe vom vorigen Jahr und sagte: “Offensichtlich wird Thälmann dort in verschiedener Weise bearbeitet. Er ist kein prinzipientreuer Marxist und seine Briefe zeugen vom Einfluss der faschistischen Ideologie. Er schrieb über die Plutokratie, meinte, England sei zerschlagen - Unsinn! ... Sie werden ihn nicht umbringen, weil sie offensichtlich hoffen, ihn sich bei Bedarf als ‚vernünftigen’ Kommunisten zunutze machen zu können...”
 

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Antifaschistische Strategien der Arbeiterparteien am Ende der Weimarer Republik. Erfahrungen für heute

Dazu sprach Prof. Dr. Heinz Karl (Berlin)  am 26. Januar in der Thälmann-Gedenkstätte. Er ging davon aus, dass die anzusprechenden Probleme durchaus aktuell sind. Die damaligen politischen Entscheidungen haben Nachwirkungen bis heute. Die gesellschaftlichen Kräfte, die damals die Weichen in Richtung Faschismus und 2. Weltkrieg stellten, sind noch da und nach wie vor bestimmend, wenn auch die Rahmenbedingungen und Erscheinungsformen ihres Wirkens sich erheblich verändert haben.

Prof. Karl  legte dar, wie wichtig es ist, die spezifischen historischen Bedingungen und Probleme zu klären, die antifaschistische Politik auf die Tagesordnung setzten, unter denen sie ausgearbeitet wurde und auf die sie eine Antwort geben sollte. K. hob dabei drei Aspekte  hervor: die Ursachen und Triebkräfte der Entwicklung zur faschistischen Diktatur; den Faschisierungsprozess; die Installierung der faschistischen Diktatur durch die deutschen Machteliten (nicht durch die Wähler!) und deren Umfälschung (zuerst durch die Nazis selbst) in eine “nationalsozialistische Revolution” oder “Machtergreifung Hitlers”.
Aus dem Erstarken des deutschen Monopolkapitals seit Mitte der 20er Jahre und dessen Folgen (verstärkte Expansivität, forcierte Revanchepolitik und systematische Wiederaufrüstung) erwuchs das Streben nach einem autoritären, parlamentarischer Fesseln ledigem Regime, das seit Ende 1927 offen und immer nachhaltiger artikuliert wurde. Entsprechende Aktivitäten entwickelten vor allem einflussreiche Monopolkreise und die Reichswehrführung um Schleicher. Sie erreichten bereits im März 1930 die Beseitigung der Regierung der Großen Koalition unter Hermann Müller (SPD) - der letzten auf parlamentarischem Wege gebildeten Regierung der Weimarer Republik. Mit der Einsetzung des Präsidialkabinetts Brüning (April 1930) wurde der erste, grundlegende Schritt auf dem Wege in die faschistische Diktatur getan.
Der Übergang zur faschistischen Herrschaftsform der imperialistischen Bourgeoisie vollzog sich in Deutschland als ein sich über drei Jahre hinziehender etappenweiser, widerspruchsvoller Prozess. Er wurde forciert durch die Deutschland 1929/30 erfassende Weltwirtschaftskrise. Auf diesem Hintergrund entwickelte sich die Nazipartei zum politischen Favoriten für die Instalierung der offenen Diktatur und Hitler zum alternativlosen Kanzlerkanditaten bei der Vollendung des Unternehmens.
Im weiteren gab K. einen Überblick über Konzepte und Aktivitäten, die von den in der deutschen Arbeiterbewegung wirkenden Parteien und Strömungen in Auseinandersetzung mit der Faschismusproblematik und der faschistischen Gefahr entwickelt wurden. Das Hauptaugenmerk galt naturgemäß SPD und KPD - den einzigen Kräften mit Masseneinfluss - anhand ihres politischen Wirkens Anfang der 30er Jahre. Berücksichtigt wurden aber auch die 1931 entstandene Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), die seit 1928 bestehenden KPD-Abspaltungen KPD (Opposition) und Leninbund sowie die Stellungnahmen Leo Trotzkis zur Entwicklung in Deutschland.
Schwerpunkte der Darlegung und Bewertungskriterien bildeten vor allem die Einschätzung der faschistischen Gefahr und ihrer Triebkräfte, das Verhalten zum Faschisierungsprozess, die Taktik der Bekämpfung der faschistischen Kräfte und der Faschisierungspolitik sowie die Stellung zu gemeinsamen bzw. parallelen Aktionen der Gegner des Faschismus und die Bemühungen darum. Dabei wurde auf die Tolerierungspolitik, Widersprüche der kommunistischen Faschismusanalyse und deren politische Konsequenzen, die Rolle der nationalen Frage in der Auseinandersetzung mit dem Faschismus, Eiserne Front und Antifaschistische Aktion und andere Vorgänge und Probleme eingegangen. Von K. wurde darauf hingewiesen, dass die häufig praktizierte einseitige, isolierte Betrachtung bestimmter politischer Positionen und theoretischer Thesen, die von den Haltungen anderer Kräfte - potentieller Partner oder Konkurrenten - abstrahiert, eine objektive historische Bewertung unmöglich macht. Er verdeutlichte dies nicht nur am Beispiel der Sozialfaschismusthese, sondern auch anhand der Beurteilung der strategischen Orientierung der KPD und ihrer Wertung der bürgerlichen Demokratie, bei denen die entsprechenden Auffassungen aller anderen linken Kräfte  in der Regel völlig ignoriert werden. Kritisch vermerkte K. auch, dass  manche  aufschlussreichen Quellen zum Thema, z.B. die Brüning-Memoiren (1970) oder Protokolle des Parteiausschusses der SPD (1975), weitestgehend unterschätzt oder geradezu verdrängt werden.
Eine zentrale, aber auch außerordentlich komplizierte und nach wie vor umstrittene Frage des Themas ist die nach den realen Möglichkeiten einer Verhinderung der faschistischen Diktatur. Man kann, wie K. ausführte, sie weder mit Ja noch mit Nein eindeutig, d.h. unwiderlegbar beantworten. Die - insbesondere seit den 90er Jahren - wiederholt vorgetragene Auffassung, auch eine gemeinsam handelnde Arbeiterbewegung hätte keine Chance gehabt, hält er jedoch für auch nicht annähernd begründet, sondern wertet sie als reines Ideologem. Übereinstimmend mit Wolfgang Abendroth und Willy Brandt meint K., dass gerade in der aktiv und koordiniert auftretenden Arbeiterbewegung der Schlüssel des Erfolges gelegen hätte, dass dies der einzige produktive Ansatz der Betrachtung des Problems sei. Natürlich hätte ein Zustandekommen der Einheitsfront nicht automatisch den Erfolg garantiert - dafür war das politische und gesellschaftliche Kräfteverhältnis viel zu labil und unsicher (aber eben für beide Seiten!) -, aber sie wäre die unumgängliche Voraussetzung eines Erfolges gewesen. Über das Resultat konnte nur “der Kampfwille und die Kampfbereitschaft sozialer Gruppen und außerparlamentarischer Verbände entscheiden”(W. Abendroth).
Die Erfahrungen für heute fasste K. in acht Punkten zusammen: 1. Möglichst breites Zusammenwirken der antifaschistischen Kräfte!  2. Unbedingte Beachtung der Spezifik und des breiten Spektrums des antifaschistischen Kampfes!  3. Notwendig und natürlich ist eine Vielfalt organisatorischer Strukturen. Kein Schema für Formen und Methoden!  4. Sektiererische, provozierende und abstoßende Parolen hemmen und schädigen die antifaschistische Bewegung. 5. Am wichtigsten ist der ideologische Kampf gegen den Faschismus. Aber: Den Faschisten darf nicht die Straße überlassen werden!  6. Entscheidend ist der außerparlamentarische Kampf. Die Demokratie kann nicht durch parlamentarische Manöver, sondern durch den aktiven Kampf der Volksmassen geschützt werden.  7. Keine Vertrauensseligkeit gegenüber dem “Antifaschismus” des bürgerlichen Staates! Nötig ist, dass Staat, Parteien und gesellschaftliche Institutionen durch aktive Bürger zur Erfüllung ihrer verfassungsmäßigen Pflichten angehalten werden.  8. Beachtung des Zusammenhangs von antifaschistischem  und sozialpolitischen Bewegungen. Der Kampf um demokratische politische Forderungen kann nicht isoliert vom Kampf um die wirtschaftlichen und sozialen Forderungen der Werktätigen geführt werden. Notwendig sind aktive Gewerkschaften!
 

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  Diskussionsveranstaltung in der GET
Vor 80 Jahren: Arbeiterkämpfe in Mitteldeutschland und Hamburg

Am 23. März kamen  24 Gäste zur Veranstaltung “Arbeiterkämpfe in Mitteldeutschland 1921 – Solidaritätsaktionen in Hamburg”  in die GET.  Referent  war Dr. Stefan Weber (Berlin), Autor des Buches “Ein kommunistischer Putsch? Märzaktionen 1921”. Im folgenden bringen  wir eine Kurzfassung seines Vortrages, die einen Tag danach  in die “junge Welt” erschien.

junge Welt, 24. März 2001:
Blutige Osterwoche im Mansfelder Land
Die Mitteldeutschen Kämpfe vor 80 Jahren
Von Stefan Weber
Am 19. März 1921 startete unter den Decknamen »Kohlensache« und »Frühjahrsreise« eine von langer Hand vorbereitete Aktion der Schutzpolizei. Schupo- Hundertschaften besetzten Eisleben, Hettstedt, Schafstedt, Teutschental und Ammendorf, in den folgenden Tagen auch Mücheln, Nebra, Laucha und Schraplau. Weitere  erhielten ihren Einsatzbefehl, so daß bald 39 Hundertschaften, bis an die Zähne bewaffnet, verstärkt durch  Reichswehr-Artillerie, Minenwerfer und Panzerautos im Regierungsbezirk Merseburg (etwa identisch mit dem späteren DDR-Bezirk Halle) operierten. Als Begründung hatte der Oberpräsident der preußischen Provinz  Sachsen, Otto Hörsing (SPD), in einem Aufruf an die Bevölkerung angegeben, es solle ein dauernder Unruheherd  befriedet werden, in dem »wilde Streiks, Raub und Plünderungen« Tag für Tag stattfänden, Industrie und  Landwirtschaft »ein ungeheurer Schaden durch Banden- und Einzeldiebstähle zugefügt« werde. Vergeblich  versuchte Hörsing später, für diese Beschuldigungen schlüssiges Beweismaterial aufzutreiben.
Der Arbeiterschaft war es in diesem Bezirk bis Anfang 1921 gelungen, Angriffe der Konterrevolution 1919/1920  abzuwehren und erkämpfte Rechte zu verteidigen. Sie war stark linksorientiert. Bei den preußischen  Landtagswahlen vom 20. Februar 1921 erhielten die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands (VKPD),  wie sich die KPD nach dem Zusammenschluß mit dem linken Flügel der USPD (Unabhängige  Sozialdemokratische Partei Deutschlands) zeitweilig nannte, 197 113 aller Stimmen (29,8 Prozent) im Bezirk, die  SPD 70 340 und die USPD 74 754 Stimmen. Anfang 1921 hielten die Konzernherren den Zeitpunkt für  gekommen, die Kampfkraft der Arbeiter zu brechen. Ihren Forderungen nach durchgreifender staatlicher Hilfe kamen der preußische Innenminister Carl Severing (SPD) und Otto Hörsing bereitwillig nach. Die Aktion wurde  vorbereitet, wobei man Warnungen, ein Polizeieinsatz könnte schwere Unruhen auslösen, ignorierte und keinen  Zweifel daran ließ, daß eine friedliche Aktion nicht angestrebt, sondern der bewaffnete Widerstand der Arbeiter  herausgefordert werden sollte. Parallel lief in der bürgerlichen Presse eine Rechtfertigungskampagne an. In den Zeitungen überschlugen sich  Meldungen über drohende kommunistische Putsche, Bildung Roter Armeen, sowjetrussische Agenten u. a. m.
Wie reagierte die VKPD-Führung? Statt Besonnenheit zu wahren, blies die Zentrale der Partei zum Alarm, rief  dazu auf, sich zu bewaffnen, und forderte den Sturz der Regierung. Revolutionäre Ungeduld im Mansfeldischen  führte am 21. März zur Proklamation des Generalstreiks, der sich zügig ausbreitete. Das Auftauchen von Max  Hoelz, der sich durch seine verwegenen Aktionen 1918-1920 im Vogtland einen legendären Ruf erworben hatte,  und das provozierende Auftreten der Schupo ließen die Streikaktionen in den bewaffneten Widerstand hinübergleiten. Hoelz scharte einige hundert Bewaffnete um sich und startete überraschende Angriffe gegen die  Schupo, wobei er auch zu Mitteln des individuellen Terrors griff. Am 23. März traten die Leuna- Arbeiter in den  Streik und bereiteten sich auf die Verteidigung des Werkes vor. Am gleichen Tag kam es in Hamburg bei Solidaritätsbekundungen für die mitteldeutschen Arbeiter zu schweren Zusammenstößen, bei denen zahlreiche  Arbeiter von der Polizei erschossen und viele verwundet wurden. Am folgenden Tag verhängte Reichspräsident  Friedrich Ebert über die Provinz Sachsen und über Hamburg den Ausnahmezustand. Die Bezirksleitung  Halle-Merseburg und die Zentrale der VKPD proklamierten den Generalstreik.
Immer neue Hundertschaften besetzten das Mansfelder Land, dabei kam es zu etlichen Kämpfen mit bewaffneten Arbeitern. Am 29. März stürmten 21 Hundertschaften nach Artilleriebeschuß die Leuna-Werke, wobei sie nur auf geringen Widerstand stießen. Im Betrieb waren zumeist nur Notstandsarbeiter, hatten sich doch die bewaffneten Arbeiter schon vorher in das Geiseltal zurückgezogen. Dennoch ging die Schupo in Leuna mit großer Brutalität vor, sie ermordete Dutzende Arbeiter und pferchte etwa 2 000 in einem Silo ein. Damals entstand das Arbeiterlied: »In Leuna sind viele gefallen, in Leuna floß Arbeiterblut.« Am 1. April wurde die letzte, von Max Hoelz geführte Truppe bei Beesenstedt zerschlagen. Nach den Ostertagen brach die Streikbewegung zusammen.  Am 1. April erklärte die Zentrale der VKPD die Aufstandsbewegung als niedergeschlagen.
Im Bezirk Halle-Merseburg waren 150 000 Arbeiter in den Streik getreten, etwa zwei Drittel des  Industrieproletariats. 4 000 Arbeiter, ausgerüstet mit etwa 2 000 Gewehren und 40 Maschinengewehren, hatten den bewaffneten Kampf aufgenommen. An Solidaritätsstreiks in anderen Teilen Deutschlands hatten sich 80 000  bis 100 000 Arbeiter beteiligt, einige hunderttausend an Protestversammlungen und Demonstrationen. Der weiße Terror triumphierte. Wie viele Arbeiter der Schupo-Aktion zum Opfer fielen, wurde nie genau festgestellt. 145 wurden amtlich zugegeben. Etwa    6 000 Personen wurden verhaftet, 4 500 von ihnen vor außerordentliche Gerichte gestellt, viele zu hohen Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt. Die Konzernherren nutzten die Niederlage aus, um Arbeiter zu entlassen, Löhne zu senken, Arbeiterrechte abzubauen.
Antikommunistische Kräfte frohlockten, aber der Parteikommunismus war im Bezirk keineswegs erledigt. Schritt für Schritt gelang es der VKPD, viele durch Tod, Verhaftung oder Flucht gerissene Lücken zu schließen und neue Verbindungen zur Basis zu knüpfen. Den Angehörigen der Verhafteten wurde materielle Unterstützung gewährt, dazu ein provisorisches Rote-Hilfe- Komitee geschaffen. Eine juristische Zentralstelle unterstützte die verurteilten Märzkämpfer, die bis Sommer 1922 fast alle freigekämpft werden konnten. Rasch gewann so die KPD wieder Selbstvertrauen und erwarb sich als politische Kraft neue Anerkennung in der Arbeiterklasse. Ihr eigentliches, weitgestecktes Ziel erreichten die Initiatoren der Schupo- Provokation daher nicht. Der Bezirk Halle-Merseburg blieb eine Hochburg der linken, kommunistischen Arbeiterbewegung.
 

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In bürgerlichen Medien eher sachlich, in sozialistischerTageszeitung eher Kolportage   Unterschiedliche Vorstellungen der Gedenkstätte Ernst Thälmann

    Nachdem wir im Juni 2ooo unseren Gedenkstättenführer „Ernst Thälmann und Kampfgefährten“ herausgegeben hatten, interessierten sich verschiedene Journalisten für unsere Arbeit und kamen zu Interviews in die GET. Saskia Tants vom Hamburger Abendblatt und Rainer Link vom Deutschlandradio Berlin stellten die Gedenkstätte in ihren Beiträgen sachlich-kritisch vor und akzeptierten unser Selbstverständnis, während Volker Stahl von der sozialistischen Tageszeitung “Neues Deutschland” schon mit seiner Art der (von  Artikeln seines  Landsmannes Peter Schütt geprägten) Fragestellung den Eindruck erweckte, hier soll mit Fleiß gegen den Strich gebürstet werden. Stahls Gesprächspartner Jan Wienecke und Ursel Hochmuth erbaten vorherige Einsicht in seinen Text. Sie bekamen ihn Anfang Februar und übermittelten telefonisch wie schriftlich diverse Richtigstellungen, die der Verfasser weitgehend akzeptierte.
   Am 22. Februar erhielten wir das ND mit Stahls Artikel „Teddys unverbesserliche Erben“ und zu unserem Befremden waren die abgesprochenen Korrekturen unberücksichtigt geblieben. Gleichzeitig kam ein langes Fax des Autors mit seiner überarbeiteten, aber nicht gedruckten zweiten Fassung, zu der er anmerkt: „Anbei die zweite Version, die ich nach Rücksprache mit Ursel Hochmuth ans ND geschickt hatte. Diese Fassung hätte gedruckt werden sollen. Tut mir wahnsinnig leid, dass dennoch die erste Version ins Blatt gefallen ist...“ (gefallen ist ??)
    Es wäre sicher aufschlussreich gewesen, hier beide Fassungen des Artikels von Volker Stahl nebeneinander zu veröffentlichen, aber dafür gibt es leider nicht genügend Platz.
    Der ND-Artikel bewirkte jedoch auch etwas Positives: Er brachte der Gedenkstätte eine Reihe neuer Besucher. Und diese waren angenehm überrascht,  als sie  die von Stahl als  "Reliquien" denunzierten  Dokumente betrachteten und in den sogenannten "Gralshütern" sachkundige Gesprächspartner fanden.
    Nachfolgend  dokumentieren  wir die Zuschrift von Ewald Stiefvater an "Neues Deutschland"  und zwar vollständig, da die Redaktion ihr Versprechen, Leserbriefe  „sinnwahrend zu kürzen“ (siehe besonders ersten  Absatz)  nicht eingehalten hat. Die vom ND gestrichenen Passagen sind von uns kursiv hervorgehoben.               Die Red.
 

Leserbrief am  24. Februar 2001 in "Neues Deutschland" zu:
“Teddys unverbesserliche Erben – Dialektik auf hanseatisch: Die Hüter der Gedenkstätte Ernst Thälmann im feinen Hamburger Stadtteil Eppendorf huldigen trotzig den alten Idealen”(ND 22.2.01)
 
    Das kennen wir zur Genüge: Wenn von Ernst Thälmann die Rede ist, dann sind zugleich auch „böse“ und misstrauische Menschen mit im Spiele. Menschen, die „handfeste Prügeleien“ und “Bruderkämpfe” vor dem Hamburger Wohnhaus von Ernst Thälmann erleben mussten „und immer Minderheit war“(en). Krawallmacher also? Will ND eine Beziehung zum gegenwärtigen Thema in den bürgerlichen Zeitungen herstellen? Offenbar darf Sympathie und Zuneigung zu „Teddys unverbesserlichen Erben“ in der Gedenkstätte Ernst Thälmann in Hamburg nicht aufkommen. ND-Autor Volker Stahl sieht sie als „Kultstätte“, wohin sich „heute nur noch selten“ Besucher „verirren“.
   Wahr ist, dass es Bruderkämpfe vor dem Wohnhaus von Ernst Thälmann nie gegeben hat. Höhepunkte waren Grossveranstaltungen mit den Parteivorsitzenden der DKP Kurt Bachmann und Herbert Mies. Unvergessen ist auch eine Veranstaltung mit dem legendären Arbeiterfunktionär und Antifaschisten Bernhard Quandt aus Mecklenburg, der hier vor tausenden Hamburgern sprach.
    Angesichts neofaschistischer Umtriebe in Hamburg freuen wir uns in diesen Tagen besonders über einen wachsenden Besuch junger Menschen in der Gedenkstätte. Sie sehen in uns eine Alternative zu den Geschichtsfälschern von heute. Im Gästebuch der Gedenkstätte kann das jeder lesen. Thälmann hat frühzeitig vor der Gefahr des Faschismus gewarnt. Sein Bespiel als Führer der kommunistischen Massenpartei in Deutschland lehrt uns heute: Faschismus und Neofaschismus sind keine Naturgesetze. Aktionsbündnisse aus Betrieben, Gewerkschaften, aus allen Schichten unseres Volkes sind Garanten gegen die Gefahr von rechts.
    Warum also im ND die kühle Distanz zu den Frauen und Männern, die die Ideale der Arbeiterbewegung in dieser Gedenkstätte aufrechterhalten und nicht über Bord geworfen haben. In diesem Sinne sind wir tatsächlich unverbesserlich und wollen es bleiben.
    Ich kannte und kenne Mitkämpfer von Ernst Thälmann, die während des Faschismus Widerstand leisteten und schwere Prüfungen überstanden. Sie wurden nach dem Kriege meine Vorbilder. Später erfuhr ich als Kommunist in der Adenauer-Ära selbst politische Verfolgung und Haft. Als gebrandmarkte Kinder dieser Zeit klebt das natürlich an uns und unseren Frauen und Kindern praktizierte Unrecht in unseren Kleidern. Aber wir sind nicht „böse“ gestimmt (wie der Autor schreibt), wenn wir heute Wiedergutmachung und Gerechtigkeit einfordern. Stirnrunzeln bekamen wir allerdings wegen der Veröffentlichung im Bericht des Verfassungsschutzes der Hamburger Innenbehörde, wo unsere antifaschistische Gedenkstätte warnend als eine „extremistische“ Institution eingestuft wird. Wir fordern Schluss mit der Demontage von demokratischen Rechten, der Diffamierung von Antifaschisten und erwarten Unterstützung von allen demokratischen Kräften. Mit „böse“ sein hat das nichts zu tun.                                                                                          Ewald Stiefvater, 2288o Wedel
 

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Deutschlandradio Berlin/Länderreport/21.2.2oo1
Inmitten Eppendorf die Thälmann-Gedenkstätte  Report von Rainer Link

     Sprecherin: Eppendorf ist heute Trendstadtteil für Junge und Erfolgreiche. Aber es ist auch ein Ort der Geschichte. Hier steht das Wohnhaus, in dem Ernst Thälmann von 1929 bis 1933 lebte. Heute befindet sich in dem Haus eine Gedenkstätte. Hören  Sie einen Sende-Report von Rainer Link.
     Link: Nicht weit von den Nobel-Boutiquen entfernt steht das Haus, in dem Ernst Thälmann wohnte. Eine Tafel an der Hauswand erinnert an den Arbeiterführer, an dessen 12jährige Haft während der Nazizeit. Im Erdgeschoss Erinnerungen und die drei von der Gedenkstätte: Ursel Hochmuth, Jan Wienecke, Ewald Stiefvater. Zusammen bringen es die rüstigen Senioren auf 22o Lebensjahre. Seit Jahrzehnten versehen sie ehrenamtlich ihren Dienst im Ausstellungsraum. Die “Unverbesserlichen” eben, wie  Ewald Stiefvater sich und seine Mitstreiter gern nennen  lässt  (erstmals von Saskia Tants in ihrem Beitrag am 7.7.2ooo im Hamburger Abendblatt, Anm. Red.).
     Stiefvater: Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, weil wir nie zu Kreuze gekrochen sind, nach wie vor die Ideale der Arbeiterbewegung hochhalten und uns dagegen wehren, dass diese Ideale verteufelt und diffamiert werden. Insofern ist diese Bezeichnung eine Bestätigung, dass wir unsere Gesinnung nicht über Bord geworfen haben.
     Link: Alle drei waren sie Mitglieder der KPD und später der DKP. Sie waren bereits bei der Gründung der Erinnerungsstätte vor gut 3o Jahren dabei. Das war im August 1969. Für die Einweihung wählte man den 25. Todestag von Ernst Thälmann, erinnert sich Ursel Hochmuth.
     Hochmuth: Damals waren noch die unmittelbaren Kampfgefährten Thälmanns dabei. Wir sind ja, auch wenn wir schon grau sind, bereits die nächste Generation.
     Link: 1969 sah auch der Stadtteil noch ganz anders aus. Die meisten Altbauten waren arg vernachlässigt, es gab Hausbesetzungen und hohe Mieten. Udo Lindenberg hatte hier seinen Einstieg. In den bewegten spät 6oer Jahren stieß die Gründung der Gedenkstätte auf positive Resonanz. Nicht nur ehemalige Kampfgefährten wohnten der Eröffnung bei, auch viele parteilose Hamburger zog es vor das Haus. Ein reges Interesse, wie es seitdem nicht mehr zu verzeichnen war. Für Jan Wienecke hat Thälmann eine politische Bedeutung, die auch heute noch aktuell ist.
     Wienecke: Thälmann hat mit aller Konsequenz gegen den heraufziehenden Faschismus gekämpft. Nicht erst als die Nazipartei bereits für die Bürger sichtbar war - und wie heute die Neonazis - durch die Straßen zog, sondern Thälmann hat bereits 1922 in einer Rede als Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft auf die zunehmenden Aktivitäten nationalistischer  Elemente hingewiesen und vom Faschismus gesprochen ohne direkt zu deklarieren, was Faschismus ist. Er hat schon damals sehr feinfühlig Momente aufgezeigt, die schließlich dazu führen, dass Menschen sich dem Faschismus anschließen.
     Link: Udo Lindenberg hat gegenwärtig honorarfrei Auftritte in der Republik, damit sich junge Menschen nicht den braunen Rattenfängern anschließen. Das Konzept der Thälmann-Ausstellung funktioniert anders ,eben historisch´:  Rote Fahnen,  historische Schriften, zeitgenössische Fotografien, eine Matrizendruckmaschine, auf der in Hinterzimmern Anti-Hitlerflugschriften vervielfältigt wurden, ein Kurzwellensender, mit dem verbotene Sendungen aus Moskau und London abgehört werden konnten. Exponate, die die Jahre von Widerstand und Verfolgung anschaulich machen. Jan Wienecke steht vor einer Ausstellungsvitrine, sie enthält das Faksimile vom Befehl Hitlers zur Ermordung des KPD-Vorsitzenden.
     Wienecke: Dieser Mord an Thälmann vom 17. auf den 18. August 1944 war akribisch vorbereitet. Drei Tage zuvor hatten sich Hitler und Himmler in Hitlers Hauptquartier getroffen und zu zwölf Punkten Beschlüsse gefasst. Punkt 12 lautet: Thälmann ist zu exekutieren. Dieses Dokument haben amerikanische Truppen auf deutschem Boden gefunden und es dann 1967 dem Bundesarchiv in Koblenz übergeben.
     Link: Zwei Jahrzehnte lang entwickelte sich die Thälmann-Gedenkstätte zu einem festen Anlaufpunkt für Interessierte fast aller politischen Farben und aller Nationalitäten. Mehr als 12 ooo Menschen kamen pro Jahr, Schulklassen aus allen Teilen der Bundesrepublik und aus dem Ostblock.
     Hochmuth: Einmal war auch Leonid Breshnew hier. Sehr viel Wert haben wir auf Vertreter von Jugendorganisationen, also der Falken, Naturfreunde, der Gewerkschaftsjugend gelegt. Ob prominent oder nichtprominent.
     Link: Der junge Ernst Thälmann arbeitete als Hafenarbeiter und Kutscher. Sein politischer Weg führte ihn zuerst in die SPD, dann in die USPD, schließlich an die Spitze der KPD. Gleich nach der Machtübernahme der Nazis wurde er verhaftet und nach 12 Jahren Einzelhaft im KZ Buchenwald ermordet. Ein prominentes Opfer der NS-Diktatur, nachdem nicht nur in der DDR Straßen, Plätze und Schulen benannt wurden.
     Stiefvater: Hamburg hatte nach dem Krieg schon einmal eine Ernst-Thälmann-Straße. Sie wurde nach den Ereignissen 1956 in Ungarn umbenannt in Budapester Straße.
     Link: Mitte der 8oer Jahre steuerte die Hamburger Politik vorsichtig um. Zwar wäre Thälmann ein Gegner des Systems gewesen, aber seine Rolle als Opfer der Nazi-Diktatur wäre davon unberührt. Gegen den Protest der CDU wurde der Platz vor der Gedenkstätte in Ernst-Thälmann-Platz umbenannt. Immer wieder treten einzelne Politiker mit der Forderung an die Öffentlichkeit: Dieser Name muss aus dem Stadtbild verschwinden. Tut er aber nicht.
     Stiefvater: Hoffentlich bleibt es so. Wir sind an und für sich zuversichtlich, weil Hamburg zu erkennen gegeben hat, dass auch in anderen Stadtteilen Straßen umbenannt werden nach Widerstandskämpfern aus der sozialdemokratischen aber auch der kommunistischen Partei und natürlich auch von anderen.
     Link: Die Wende im Ostblock und das Verschwinden der DDR änderten den Status der Hamburger Gedenkstätte radikal. Der DKP liefen die Mitglieder scharenweise weg. Ein Schock auch für Ursel Hochmuth, denn trotz mancher Kritik war sie doch einverstanden mit der Grundidee der DDR.
     Hochmuth: Im Prinzip habe ich die bundesdeutsche Wirklichkeit abgelehnt... Wir sind nicht aus unseren Biographien ausgestiegen und wollen das auch heute nicht.
     Wienecke: Wir haben uns 199o entschlossen, weiterzumachen, weil - so tief wie dieser Einschnitt auch war – das, was wir mit unserer Ausstellung vermitteln möchten, nicht aufgehoben ist.
     Link: Ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Besucherzahlen auf das zweitniedrigste Niveau seit Gründung gefallen waren (816 Gäste) tauchte 1999 im Lagebericht der Verfassungsschützer dann die Thälmann-Gedenkstätte auf.
     Stiefvater: Das hat uns auch überrascht. Gerade angesichts der Zunahme von neofaschistischen Aktivitäten in Hamburg. Und wenn junge Leute dann hierher kommen, um sich Argumente zu holen im Kampf gegen den Neofaschismus, dann muss man das auf jede Weise unterstützen und darf diese Gedenkstätte und diejenigen, die sie besuchen, nicht an den Pranger stellen.
     Hochmuth: Diese Denunziation vom Hamburger Verfassungsschutz ist uns - soviel ich weiß - zum ersten Mal passiert. Auf der anderen Seite heißt das, sie haben uns registriert, sie nehmen uns ernst. Wir haben eben ein bestimmtes Image. Und wir müssen ganz hart daran arbeiten, dass wir das aufrecht erhalten können.
     Link: Aber für wen? Die Zahl der Besucher ist in den letzten Jahren um mehr als 9o Prozent gesunken. Gleichzeitig kamen finanzielle Schwierigkeiten auf das Kuratorium der Gedenkstätte zu. Das könnte selbst einen festen Klassenstandpunkt erschüttern. Doch die drei “Unverbesserlichen” sitzen wie eine geschlossene Widerstandsfront in ihren Räumen, trotzen dem Zeitgeist, warten auf interessierte Besucher und hoffen auf jüngere Leute, die in die Gedenkstättenarbeit einsteigen.

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Kino im Thälmann-Haus

Vor 60 Jahren
Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941
Wir erinnern an den Überfall und  den Vernichtungskrieg der Wehrmacht gegen  die Sowjetunion  und zeigen in der Gedenkstätte folgende Filme  :
Donnerstag 21. Juni  2001 19 Uhr
Der 22. Juni 1941
Regie: Roman Karmen,  45 Minuten Dokumentarfilm
Im Juni 1941 überfielen die deutschen Faschisten die Sowjetunion. Der anfängliche Siegeszug der Wehrmacht gegen die Rote Armee schien nicht mehr zu stoppen.
anschließend:
Ballade vom Soldaten
UdSSR, Regie: Gregori Tschucharai, 1959 85 Minuten.
Zu dem vielfach preisgekrönten epischen Film äußerte der Regisseur Tschucharai: " Uns ging es darum, nicht so sehr die Tapferkeit unseres Helden als vielmehr sein innerstes Wesen und die Triebfeder seiner  vor Augen zu führen. Auf  Schlachtszenen und das übliche Beiwerk von Kriegsfilmen haben  wir verzichtet und nach einem Sujet gesucht, das ganz von selbst jeden veranlasst, den Krieg zu verurteilen.”
Bis heute hat dieses Meisterwerk nichts von seiner Kraft eingebüsst.

Außerdem führen wir vor:
Freitag 29. Juni 2001 19 Uhr
Schlacht um Algier
Italien/Algerien Regie: Gillo Pontecorvo 1965  123 Minuten
Dieses Jahr im Sommer finden in Algerien die Weltjugendfestspiele statt. Ein Grund, an die jüngste Geschichte des Unabhängigkeitskampfes in diesem Land in den Jahren 1954 und 1960 zu erinnern. Der dokumentarisch gehaltene Film zeigt packend und mit Sympathie für die Aufständischen wichtige Episoden des algerischen Unabhängigkeitskampfes und schließlich die Befreiung von den französischen Besatzern in einem bitteren blutigen aber siegreichen Kampf.

Samstag 28. Juli  2001 16 Uhr
PTX ... KLK AN PTX  Die Rote Kapelle
Ein Film über die Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/ Harnack
Spielfilm, DDR 1971, Buch: Wera und Klaus Küchenmeister, Regie: Horst E. Brandt, 150 Minuten
“Der Stunde Ernst will fragen: hat es sich gelohnt? An dir  ist’s es nun zu  sagen: Doch es war die rechte Front!” Zwei Tage vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1942, wenige Stunden vor  seiner  Hinrichtung schrieb der Antifaschist Harro Schulze-Boysen diese letzten Worte  in seiner Todeszelle in Berlin-Plötzensee. Mit  ihm fielen am 22. Dezember 1942 seine Frau Libertas, der Wissenschaftler Dr. Arvid Harnack, die Arbeiter Hans Coppi, Hans Heilmann und Kurt Schulze, die Journalisten Ilse Ströbe und Johann Graudenz, das Künstlerehepaar Elisabeth und Kurt Schumacher  und der Botschaftsrat Rudolf von Scheliha den faschistischen Mördern zum Opfer. Sie alle waren sich bewusst, an der richtigen Front, an der Front der Gegner des Naziregimes für das Ende der faschistischen Diktatur und des Krieges, gekämpft  zu haben. Der Film schildert eindringlich und unpathetisch die mühevolle und gefährliche Arbeit der Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/ Harnack in den Jahren 1932 bis 1942, von der Gestapo  Rote Kapelle genannt.
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Aus unserem Gästebuch

Eintragungen seit Dezember 2000

Eine aufschlußreiche und interessante Ausstellung.   
Schülerinnen und Schüler der Max- Brauer Gesamtschule

Die Ausstellung hat uns sehr gut gefallen. In Zeiten der allgemeinen Geschichtsverfälschung- und Verdrängung ist sie eine Besonderheit.
Silke + Paul, Berlin

Ich habe neue Erfahrungen gesammelt und neue Eindrücke gewonnen
Martha, Otto- Hahn- Schule

Wir fanden es hier sehr interessant und kommen gerne wieder.Schülerinnen +Schüler der Gesamtschule Bergedorf
Gerade heute, angesichts der Verharmlosung der wahren Ursachen von Faschismus und Krieg, sollten möglichst viele - vor allem junge Menschen - das hier bezeigte wahrnehmen.
M. Bernard, Bonn

Eine sehr verdienstvolle Dokumentation.
K. Villinger

Diese Ausstellung zeigt die wahre Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Diese darf nie vergessen werden.
P. Langer

Zurückgekehrt an meine politische Wirkungsstätte in der Zeit des Nazismus beeindruckt mich, wie hier die Erinnerung an die revolutionäre Arbeiterbewegung gepflegt wird. Thälmann wird als einer ihrer Führer unsterblich bleiben.
Hans Schilde, Dresden

Ich bewundere die Initiativen und das Engagement derer, die hier tätig sind und entlegen dem Zeitgeist das Andenken an Thälmann bewahren.
W. Degens, Eisenhüttenstadt

Es ist gut und wichtig, sich hier zu informieren und sich „Rat“ zu holen. Die Ausstellung ist eine interessante Form der Geschichtsschreibung und sie sollte vor allem von der Jugend besichtigt werden.
R. und E. Wolf, Hamburg, Senftenberg

Ich bin mit meiner Mutter hier um mich über Ernst Thälmann zu informieren, über den ich zu wenig weiß. Hier bekommt man einen Eindruck von seinem Leben. Seid wachsam gegen Fremdenfeindlichkeit und Faschismus!
Jörg Weißleder, Berlin

Es war sehr interessant und aufschlußreich, Ihnen zuzuhören. Wir haben viel gelernt und danken Ihnen dafür. Viel Erfolg für die Zukunft.
Klasse 7 b des Theodor - Heuss - Gymnasium

Wir danken für die Führung durch diese interessante Ausstellung. Wir sind sehr davon angetan, dass diese wertvollen Geschichtsdokumente aufbewahrt, gepflegt und veröffentlicht werden.
Familie Kummich, Erzgebirge

Als Berliner, der nun seit fast 23 Jahren in Hamburg lebt, habe ich endlich den Weg in diese interessante und informative Ausstellung gefunden. Ich hoffe, daß sie noch lange erhalten bleibt.
W. Hamann

Es ist sehr anregend hier Geschichte hautnah erleben zu können.                                                                  J. Fresha, Hamburg

Hier werden die gerade jetzt wieder so wichtigen historischen Erfahrungen wachgehalten. Ein für uns sehr wichtiger Besuch.
H. + D. Schneider, Bremen

Tradition heißt nicht, Asche zu verwahren, sondern eine Flamme am Brennen zu halten.
Mori + Hanna
 

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Zwei Feten im Juni
UZ-Pressefest
Die Thälmann-Gedenkstätte Hamburg hat beim UZ-Pressefest ihren Informationsstand. Wir freuen uns auf  Euren Besuch und verweisen besonders auf unsere dort vorliegende Dokumentation "Ernst Thälmann und Kampfgefährten". UZ- Pressefest -Volksfest der DKP- 22.-24.Juni 2001 Dortmund - Revierpark Wischlingen.

Eppendorfer Landstrassen-Fest
Am 30.Juni/1.Juli 2001 beteiligt sich die Thälmann-Gedenkstätte  neben anderen Vereinen und Organisationen am Eppendorfer Landstrassen-Fest. Wir werden uns im Hüttendorf auf dem Karstadt-Vorplatz präsentieren.
Wer sich am Sonnabend (30.Juni) oder am Sonntag an unserem Stand  - auch stundenweise - beteiligen kann melde sich bitte!! Beginn jeweils 11 Uhr.

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Mitarbeiterinnen  und Mitarbeiter gesucht

Wir  brauchen neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um die Arbeit in unserer GeDenkstätte Ernst Thälmann  auf mehrere Schultern zu verteilen und weiter auszubauen. Alle Freunde und Genossen, die etwas Zeit und Interesse haben, an einer abwechslungsreichen Arbeit in und für die GeDenkstätte, sind eingeladen  mit anzupacken.

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Arbeitskreis Geschichte bei der PDS Brandenburg  lud ein:
Diskussion über den Charakter der illegalen Tagung der KPD in Ziegenhals

Am 28. Oktober 2000 debattierten auf Einladung des Arbeitskreises Geschichte beim PDS Bezirk Brandenburg Historiker und Politiker in der Ernst-Thälmann-Gedenkstätte  in Ziegenhals über die illegale Tagung des ZK der KPD am 7. Februar 1933. Nachstehend Auszüge aus einigen Beiträgen.

Prof.  Dr. Lothar Berthold:  Die Rede  von  Ernst Thälmanns am 7. Februar 1933 in Ziegenhals hatte vier Schwerpunkte.   1.) Ernst Thälmann analysierte die Lage in Deutschland nach dem Machtantritt der Faschisten  2.) In der Rede enthüllte er den Klassencharakter des deutschen Faschismus. 3.) Das Bemühen der KPD um die Aktionseinheit der Arbeiterklasse wird dargestellt  4.) Ernst Thälmann formuliert das strategische Ziel:  Was kommt nach Hitler.
Ernst Thälmann hat in Ziegenhals mehrere Stunden gesprochen. Nur ein Drittel der Rede ist erhalten geblieben. Thälmann hat als erster kommunistischer  Führer davon gesprochen, dass der Sturz Hitlers nicht unbedingt identisch ist mit der Errichtung der proletarischen Diktatur. Dieser Gedanke wurde von Georgi Dimitroff im Dezember-Brief von 1933 an die EKKI-Mitglieder übernommen und diente als Vorbereitung der Weltkonferenz für 1934, die aus Zeitgründen auf das Jahr 1935 verschoben wurde. In dieser Zeit kam es wieder zu linksradikalen Übertreibungen.
Zur Diskussion um die Bezeichnung der Tagung: Aus der schriftlichen Einladung geht nicht hervor, dass es sich um eine ZK-Tagung gehandelt hat. Im Endergebnis ist das auch unwichtig. Die Klassenkampfwahrheit, die auf dieser Tagung vermittelt wurde, ist  das Entscheidende. Diese Wahrheit darf man nicht wegdifferenzieren
Dr. Stefan Weber: Am 27.2.1933 hat die KPD noch einmal ein Angebot an die SPD für gemeinsame Kampfaktionen gegen die Hitler-Regierung gemacht. Von Seiten der SPD kam keine Reaktion. Auch darüber muss gesprochen werden In der Rede von Ziegenhals kam das Wort vom Sozialfaschismus nicht vor. Sie stand ganz im Zeichen der Orientierung der KPD seit 1932 nach Aktionsbündnissen von SPD und KPD. Das Gespräch Thälmanns mit Sozialdemokraten ist ein Beleg dafür.
Ein Rückfall in den “Sozialfaschismus” ist vorgekommen, wurde auch von EKKI gedeckt. Volksfrontpolitik wurde nicht eingehalten. War ein strategischer Fehler. Mit der Verhaftung von Ernst Thälmann wurde die Autorität der Führung geschmälert. Eine gewisse Lähmung trat ein.
Es gab keinen Legalismus in der KPD nach der Machtübertragung an die Hitler-Faschisten. Aber es gab  gewisse Unterschätzungen. Durch Formulierungen wie Papen-Faschismus, Schleicher-Faschismus wurde bei etlichen Mitgliedern der KPD der Hitler-Faschismus als das wirkliche Neue, als die große Gefahr nicht sofort  oder zu spät erkannt.
Zur Frage Illegale ZK-Tagung oder Reichskonferenz: Tatsache ist, dass am 3.2.1933 Politbüro-Mitglieder, ZK-Mitglieder, Abteilungsleiter des ZK und politische Sekretäre an der Tagung teilgenommen haben. Thälmann schreibt später selbst über die Tagung als von einer Wahlkonferenz. Wichtig ist, dass diese bedeutsame Zusammenkunft der KPD 20 Jahre später von Teilnehmern zur illegalen ZK-Tagung  der KPD erklärt wurde. Auch mit anderen Tagungen in der Illegalität ist man später ähnlich verfahren. Sie gelten noch heute als ZK-Tagungen. Der Name sollte erhalten bleiben. Wenn andere diese Tagung anders bezeichnen, soll uns das nicht kratzen. Wichtig ist die primäre Frage danach, was hier gesagt worden ist.
Heinz Schmidt: Unsere Gedenkstätte veranstaltet zwei bis drei Kundgebungen im Jahr. Die finanziellen Mittel sind beschränkt. Mit Veränderungen inhaltlicher Art sind wir vorsichtig. Der Landrat hat überall die Hand drauf. Und Verfälschungen des Widerstandes von Kommunisten und der Herabwürdigung  von Ernst Thälmann, wie es einige mit der ungeheuerlichen Behauptung vom bewaffneten Aufstand getan haben, machen wir nicht mit. Ernst Thälmann hat in seinem Brief im Frühjahr 1944 an den Kerkergenossen auch von den Fehlern der Kommunisten geschrieben. Was sollen wir denn noch tun?
Ewald Stiefvater:  Die Thälmann-Gedenkstätte in Hamburg ist vorwiegend auf drei Arbeitsfeldern tätig Sie betreffen unsere ständige Ausstellung, unsere Bibliothek und unsere Veranstaltungen. Die Gedenktafel in der Ausstellung mit den Namen der von den Faschisten ermordeten Hamburger Bürgerschaftsabgeordneten aller Parteien haben wir nach 1990 ergänzt mit einer zweiten Tafel mit den Namen der in der Sowjetunion umgekommenen kommunistischen Bürgerschaftsabgeordneten.  Seit Mai 2000 haben wir von der Ausstellung eine Dokumentation in Wort und Bild fertiggestellt, die zum Selbstkostenpreis von DM 7.- erworben werden kann. Die Bibliothek hat einen Umfang von 200 Regalmetern mit Werken von Marx, Engels, Lenin, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und anderer marxistischer Theoretiker  sowie Schriften zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Übers Jahr führen wir mehrere Veranstaltungen zu Themen der Arbeiterbewegung durch und  organisieren Filmabende mit antifaschistischen Inhalt.
So weitgehende Eingeständnisse über Fehler der Kommunisten, wie sie Ernst Thälmann im Brief an den Kerkergenossen gemacht hat, sind von den Sozialdemokraten bis heute nicht bekannt. Es gab auch im Westen Deutschlands nach 1945 starke Bemühungen für die Schaffung einer Einheitspartei. Die meisten Sozialdemokraten waren wie die Kommunisten dafür. Aber bald kam der Druck oder Zwang von “oben”. Kurt Schumacher hat 1946 in Kiel über die Kommunisten “von den rotlackierten Nazis” gesprochen”. Auch das muss  bei der Aufarbeitung der Geschichte und der gemachten Fehler genannt werden.
Peter Hochmuth:  Unsere Gedenkstätten sollen an alle Widerstandskämpfer erinnern. In Buchenwald  (Aussenlager Dora) gab es Widerstand von Antifaschisten aus Ost- und Westeuropa. Da haben französische Kommunisten eng mit sowjetischen Kommissaren zusammengearbeitet. Wir dürfen diese Gedenkstätten nicht als Konserve behandeln. Ernst Thälmanns Vermächtnis erfüllen heißt, mutig an die Jugend heranzutreten. Diesen Bogen müssen wir schließen : die Geschichte der Kämpfer in den Zusammenhang zur Gegenwart und Zukunft zu stellen. Jungen Menschen diesen Zusammenhang klar zu machen, ist schwer.
 Ewald Stiefvater
 

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Wir Gedenken

Sie hat sich auf ihr Leben eingelassen mit
Kraft, Optimismus, Eigensinn und Humor
Irma Gabel -Thälmann
* 6.11.1919 Hamburg, gest. 1o.12.2ooo Berlin
Ernst Thälmann schrieb 1944 über Irma: “Meine zutrauliche Tochter, die heute mit dem Sohn eines Inhabers einer elektromechanischen Werkstätte in Singen am Hohentwiel sehr gut verheiratet ist und deren Mann zur Zeit als Panzergrenadier (Strafsoldat) in Süditalien mitkämpft, ging bei meiner Verhaftung noch zur Schule. Sie ist inzwischen zu einer tapferen, aufgeweckten und klugen Frau herangereift und versteht die Weltereignisse und ihre Folgen besser als so mancher deutsche erwachsene Mann. Sie liebt und verehrt ihren Vater und ist stolz auf ihn und seinen Namen. Sie ist meine große Freude und stille Hoffnung”.
Irma war dabei als am 18.August 1969 die “Gedenkstätte Ernst Thälmann” durch Hein Fink, ehem. Vorsitzender der KPD Hamburg, eröffnet wurde und der DKP-Vorsitzende Kurt Bachmann vor dem Thälmann-Haus zu mehreren tausend Hamburgern sprach. Als Ehrenmitglied des Kuratoriums GET begleitete sie unsere Gedenkstättenarbeit mit reger Anteilnahme. Von bleibendem geschichtlichen Wert sind Irmas “Erinnerungen an meinen Vater”, Rosas und Irmas Besuche bei Thälmann in faschistischer Haft und Weitergabe seiner Nachrichten an die Außenwelt, Irmas eigene Erfahrungen in Kindheit und Jugend, seit 1944 als politische Gefangene im KolaFu Hamburg, im KZ Ravensbrück und schließlich im Außenlager Neubrandenburg. Mit ihren Auftritten in Schulklassen, Betrieben und auf Gedenkveranstaltungen versuchte Irma die Erinnerung an ihren Vater und seine Kampfgefährten wach zu halten. Ein Beispiel für politische Bewusstheit einer Kommunistin gab Irma in der Nachfolge ihrer 1962 verstorbenen Mutter Rosa als Nebenklägerin im Thälmann-Mord-Prozess in den Jahren 1985 bis 1988.
Mit unserer ständigen Ausstellung und dem neuen Gedenkstättenführer bewahren wir Ernst, Rosa und Irma Thälmann ein bleibendes Andenken. Herzlich verbunden fühlen wir uns mit Irmas Töchtern Monika und Vera sowie mit ihren Enkelkindern.
Kuratorium “Gedenkstätte Ernst Thälmann” e.V.
 

Heinz Priess
*3.4. 1915 Hamburg   gest. 12. 1. 2001 Berlin
KJVD, Batallionskommandeur der Interbrigaden in Spanien, Chefredakteur der "Hamburger Volkszeitung" und des Freiheitssender 904, Sprecher der Sektion Spanienkämpfer in der IVVdN, Mitglied des Kuratoriums Gedenkstätte  Ernst Thälmann.
An die Genossin Ursula Priess, Berlin
Liebe Genossin Ursula,
zum Hinscheiden Deines Lebensgefährten Heinz Priess, möchten wir Dir unsere herzliche Anteilnahme versichern. Nachdem ihn sein politischer Lebensweg nach Berlin führte bewahrte Heinz sich seine Verbundenheit mit Hamburg. So nahm er auch Anteil an der Entwicklung unserer Gedenkstätte Ernst Thälmann.
Im Jahre 1990, nach dem Eintreten einer auch für uns schwieriger gewordenen Situation, war Heinz Mitglied unseres Kuratoriums geworden. Mit seinen reichen Erfahrungen, die aus dem eigenen Erleben der jüngeren deutschen Geschichte erwachsen waren, unterstützte er unsere Gedenkstättenarbeit.
Unvergessen für uns und viele Hamburger, bleibt sein hiesiger Auftritt im Jahre 1996 anläßlich des 60. Jahrestages des Beginns des Spanischen Bürgerkrieges und der Bildung der Internationalen Brigaden. Heinz hat noch erfahren, was auch sein Wunsch war, daß wir unsere Gedenkstätte inzwischen dauerhaft haben sichern können. Wir werden Heinz Priess ein ehrendes Andenken bewahren.
Hamburg, 22. Januar 2001
Kuratorium  “Gedenkstätte Ernst Thälmann“ .e.V

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www.thaelmann-gedenkstaette.de
Unter dieser Internetadresse ist seit Juli 2000  ein virtueller Rundgang  durch die Gedenkstätte Ernst Thälmann   möglich.  Mit einem Mausklick kann sich der "Internetsurfer" durch die Ausstellung unserer Gedenkstätte mit ihren 33 Vitrinen und Tafeln steuern. Dazu gibt es für den Betrachter nützliche Erläuterungen, ebenfalls eine Chronik der Gedenkstätte, verschiedene Reden und Aufsätze Thälmanns zum Herunterladen, nützliche Links zu anderen Internetseiten z.B. der Thälmann-Gedenkstätte Ziegenhals, VVN-BdA, PDS, DKP, SDAJ und, und, und. Weiter sind Ausgaben der  Zeitschrift "Rundbrief aus dem Thälmann-Haus"  sind im  Netz zu finden.
Erwünscht ist  die Meinung der Betrachter, entweder über einen Eintrag in unserem Gästebuch oder einer email an:
kuratorium@thaelmann-gedenkstaette.de

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Auf  politische Herausforderungen von heute orientiert
115. Geburtstag von Ernst Thälmann
Anläßlich des 115. Geburtstages von Ernst Thälmann   versammelten sich rund 80 Teilnehmer in der Gedenkstätte. Aus der Ansprache von Jan Wienecke Vorsitzender des   Kuratoriums "Gedenkstätte Ernst Thälmann":
 "Ernst Thälmann maß besonderes Gewicht der Aufklärung darüber bei, was den Imperialismus nach Wiederaufrüstung und neuen Kriegsabenteuern streben läßt: die Jagd nach Rüstungsprofiten, das Streben nach einer ökonomischen und politischen Vormachtstellung gegenüber den imperialistischen Konkurrenten. Die Kernfrage im Antikriegskampf sah Ernst Thälmann in dem Bemühen um ein breites Bündnis mit allen Friedenskräften ....Wenn wir an die geschichtlichen Erfahrungen aus dem Antikriegskampf der Arbeiterbewegung  und der Friedensbewegung erinnern, so betrachten wir das als unseren spezifischen Beitrag zu den Friedensaktionen der Gegenwart - zum Ostermarsch 2001."

Anschließend begaben sich  die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kundgebung zur Auftaktveranstaltung des  Hamburger Ostermarsches.

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Ernst Thälmann über die Märzkämpfe 1921
Aus seiner Rede vor der Hamburgischen Bürgerschaft am 3o. März 1921:

Thälmann (V.K.P.) ... In dieser Situation, wo die Reaktion ganz deutlich auf dem Plan erscheint, wo sie absolut keine Rücksicht nimmt, wie beispielsweise in Bayern, gegen das Proletariat vorzugehen mit  der Orgesch und anderen militärischen Organisationen, wo sie  einfach auf die gesetzlichen Bestimmungen pfeifen, wo sie erklären, daß die Anwendung der Gesetze für sie nicht in Frage  kommt, in dieser Situation geht die kapitalistische Regierung rücksichtslos gegen die hilflosen Arbeiter vor und sagt sich, das ist so ein gefährlicher Feind, den wir nicht mit Glacehandschuhen anzufassen haben. Das wehrlose Proletariat soll niedergeknüppelt werden. Wir haben es ganz deutlich gesehen in dieser Zeit, wie nach Ihrer Auffassung die Demokratie herrschen will. Wir sehen, daß nicht die Demokratie herrscht, sondern die nackte Gewalt! Hier herrscht nicht die Demokratie, sondern die Diktatur des Kapitalismus...
Als wir in Hamburg unsere Aktion eingeleitet haben und als wir die Erwerbslosen aufforderten, in die Betriebe zu gehen, um zu arbeiten, so aus Gründen, weil die am Ort befindliche Regierung nicht in der Lage gewesen ist, die Zahl der Erwerbslosen zu erniedrigen und Arbeit für sie zu schaffen. Wir haben monatelang in der Bürgerschaft gesagt, daß man den Erwerbslosen nicht mit der Unterstützung helfen kann, nicht mit vier Zentnern Torf oder Kartoffeln, den Zentner für 15 Mark, sondern man kann den Erwerbslosen nur damit helfen, daß der bankrotte Staat dazu übergeht, den Erwerbslosen Arbeit zu schaffen. Unsere Forderungen sind verhallt...
Es handelt sich darum, daß die Arbeiter der Firma Blohm & Voss den Betrieb besetzten, und als die Sipo anrückte gegen die Personen, die wehrlos dastanden, absolut keine Waffen in der Hand hatten (lebhafter Widerspruch), absolut keine Waffen in der Hand hatten, bringen Sie mir den Beweis, daß bei Blohm & Voss irgendein Arbeiter gewesen ist, der eine Waffe in der Hand gehabt hat. Fragen Sie den Polizeisenator Hense, ob bei Blohm & Voss ein Schuß abgegeben worden ist gegen die Sipo. Ich behaupte Nein, und keiner wird den Beweis erbringen, daß die bei Blohm & Voss beschäftigten Arbeiter gegen die Sipo vorgegangen sind. Aber als die Arbeiter in der Kaffeehalle bei Blohm & Voss saßen, sind die Sipoleute rücksichtslos vorgegangen, haben gegen die wehrlosen Arbeiter Handgranaten geworfen. Als die Vulcanarbeiter abzogen und über die Veddel nach Hause gingen, um an den Demonstrationen auf dem Heiligengeistfelde teilzunehmen, waren es wiederum Sipoleute, die gegen die in losen Gruppen gehenden Arbeitertrupps Handgranaten geworfen haben. Wenn Sie jetzt versuchen, in der bürgerlichen und rechtssozialistischen Presse die Kommunisten zu denunzieren, sage ich: Sie haben die Blutschuld auf sich geladen. Sie, Polizeisenator Hense, sollten Ihre Leute, die an der Spitze stehen, den Offizier, der es gewagt hat, am Millerntor die erste Salve abzugeben... (Zurufe)...
Ich weiß nicht, ob der Polizeisenator Hense eine Anweisung gegeben hat, wonach der Offizier berechtigt war, in die wehrlosen (Zuruf: Wehrlos?) Massen hineinzuschießen; man hat, ohne die Massen zu ermahnen und darauf aufmerksam zu machen, daß geschossen wird, blindlings in die Massen hineingeschossen, und die Schuld, daß     dort Opfer zu verzeichnen sind, trifft einzig und allein (Zuruf: Sie!) den Offizier, der den ersten Schuß abgeben ließ. Wenn Sie sagen, daß  wir die  Verantwortung zu tragen haben, so erwidere ich Ihnen, daß  die Verzweiflung, in die das Proletariat hineingebracht wird, uns dazu zwingt, endlich einmal mit dieser hundsgemeinen kapitalistischen Gesellschaft aufzuräumen, die diese Regierung unterstützt...
Nachdem Sie in den letzten Tagen in dieser unerhörten Weise gegen uns vorgegangen sind, den Belagerungszustand verhängt und unsere Presse verboten haben, werden wir im Plenum der Bürgerschaft das sagen, was wir für notwendig halten, da wir anders keine Gelegenheit haben, uns an die Bevölkerung zu wenden...
Herr Senator Hense, ich klage Sie jetzt an, daß Sie die Schuld  tragen an der ungeheuren Erbitterung, die in der Arbeiterschaft  herrscht und die dadurch entstanden ist, daß Sie die Offiziere noch nicht zur Verantwortung gezogen und noch nicht untersucht haben, wen die Blutschuld an den Vorgängen der letzten Woche trifft... Der Kampf ist noch nicht vorbei; vorläufig kämpft man noch in Mitteldeutschland, im Ruhrgebiet usw. Man weiß noch nicht, ob aus der Niederlage, die die bürgerliche Presse meldet, nicht doch noch ein Sieg des Proletariats werden wird.
Auszüge nach dem Protokoll der 19. Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft, Seite584 ff.

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